Für die liebste Mama: Suzanne
Wie viele traurige Geschichten
beginnt auch die meinige zunächst fröhlich: Sie fängt mit den
wunderbarsten Eltern an, die man sich vorstellen kann, Walter und Suzanne. Sie
sind zwei grundverschiedene Menschen, mein Vater ist eher ruhig und zurückhaltend,
während meine Mutter als sehr lebhaft und aufgeschlossen erlebt wird. Anfang
der achtziger Jahre lernen sie sich kennen, sie heiraten Ende 1986; im August
des darauf folgenden Jahres werden sie zum ersten (und gleich zum zweiten Mal)
Eltern: Um 13.45 Uhr komme ich zur Welt, fünf Minuten später folgt
gleich meine Zwillingsschwester Anna. Dieser 31. August ist ein erster Tag mit
Sonnenschein nach einer langen Regenperiode, erzählt mein Vater mir später;
ein Ausblick auf die nächsten Jahre??
Meine Mutter ist zum Zeitpunkt unserer Geburt 33, mein Vater 27 Jahre alt. Er
arbeitet bei einer Bank, sie als Sekretärin. Meine Mutter, ist sehr beliebt
bei ihren Kolleginnen und Kollegen; ihre nette, liebenswerte Art begeistert.
Sie geht offen auf die Menschen zu, ist humorvoll, freundlich, lebensfroh und
spontan. Wenn sie morgens schnell weg muss, schminkt sie sich manchmal, während
sie mit dem Auto an einer Ampel wartet; sie schaut in dabei in den Rückspiegel
und zieht die Blicke der vorbei fahrenden Männer auf sich – Sie ist
eine sehr hübsche Frau, aber seit sie mit meinem Vater zusammen ist, gibt
es für sie natürlich nur noch ihn.
Das Beste für die Kinder
Meine Mutter möchte nach unserer Geburt bald wieder anfangen zu arbeiten;
allerdings nur, wenn sie meine Schwester und mich in guten Händen weiß,
während sie arbeitet. Meine Eltern setzen ein Anzeige in die Zeitung, sprechen
mit einigen Bewerbern, und sind enttäuscht. Keiner da, der ihren (hohen)
Erwartungen entspricht, aber sie möchten das Beste für ihre Kinder.
Da finden sie noch eine Karte mit einer Bewerbung im Briefkasten und laden die
Bewerberin ein. Anneliese, so heißt die Absenderin der Karte, kommt und
stellt gleich die Frage, die meine Eltern bei allen anderen Bewerbern vermisst
haben: „Darf ich die Kinder mal sehen?“
Meine Eltern merken schnell, dass Anneliese genau das Beste ist, was sie für
ihre Kinder tun können; so geht meine Mutter wieder arbeiten, und Anneliese
passt auf uns auf. Zu dem Zeitpunkt waren wir sechs Wochen alt. Meine Mutter
und Anneliese überlegen zusammen (sie können sich immer hervorragend
unterhalten), wie wir Anneliese später ansprechen können; beide sind
sie für „Oma“, weil Anneliese etwa so alt ist, als dass sie
unsere Oma sein könnte, und uns auch von Anfang an genauso (sogar noch
mehr) liebt, wie ein „biologische“ Oma ihre Kinder lieben kann.
Vor allen Dingen freut sich meine Mutter auch, dass wir so, neben der Mutter
unseres Vaters, noch eine zweite Oma haben; ihre eigene Mutter, wie Oma Anneliese
einer sehr, sehr liebe Frau, erzählte mir mein Vater, starb leider schon
vor unserer Geburt.
Oma Anneliese bleibt also bei uns, und auch wir lieben sie damals wie heute
wie unsere „richtige“ Oma; sie ist nach wie vor unsere mit wichtigste
Bezugsperson.
Obwohl sie beide arbeiten, haben unsere Eltern trotzdem immer genug Zeit zu
uns, tun alles für uns, lieben uns über alles.
„Du, die sind aber echt nett“, sagt der Sohn unserer Oma Anneliese
zu seiner Mutter, als er mal an unserem Haus vorbei fährt, vor dem unsere
Eltern gerade mit uns spielen; wie so vielen anderen gefällt auch ihm die
Art unserer Eltern, mit uns umzugehen, sehr.
Erziehung
Die „Geschichte mit dem Brei“, die mir Oma Anneliese später
erzählte, ist ein schönes Beispiel für die Art, wie wir erzogen
werden; nicht strafend, sondern mit viel Liebe und Verständnis: Mama kommt
eines Tages nach Hause und hat für Anna und mich eine neue Sorte Brei gekauft.
Sie macht ihn auf, dann warm, füllt ihn auf, setzt uns hin; alles natürlich
im Doppelpack. Und als dann alles fertig ist, wollen meine Schwester und ich
den neuen Brei nicht essen. Anstatt uns zum Essen zu drängen, wählt
Mama eine andere Methode. „Schmeckt das nicht?“, fragt sie uns und
probiert dann selber. „Nee also ich find den auch nicht lecker, machen
wir euch lieber einen anderen.“ Und dann macht sie uns einen anderen Brei,
alles noch einmal von vorne, extra nur für uns.
Schock
Wir erleben unser erstes Weihnachten, den ersten Geburtstag, das zweite Weihnachten.
Im Februar 1989 sind wir anderthalb Jahre alt; am 21. dieses Monats wird unsere
Mutter 35 Jahre alt. Es wird groß gefeiert, viele Gäste sind da.
Auf einmal wird unsere Mutter ohnmächtig. Alle sind entsetzt, ist es vielleicht
Aufregung, Überanstrengung? Man nimmt Kölnisch Wasser, hofft, dass
es hilft; als unsere Mutter nicht zu sich kommt, bringt man sie ins Krankenhaus.
Hirnschlag, sagen die Ärzte („Da ist eine Ader in Mamas Kopf geplatzt“,
erklärt mein Vater uns, als wir, natürlich noch sehr jung, später
nachfragen).
Sechs Tage liegt unsere Mama im Koma, mein Vater und ihr Bruder, unser Onkel,
sitzen abwechselnd bei ihr am Bett. Alles Bangen, alles Hoffen nützt nichts.
Mama stirbt am 27. Februar 1989.
Sehnsucht
In wenigen Tagen jährt sich dieser Tag zum sechzehnten Mal. Ich bin heute
siebzehn, und kann mich an die Zeit damals, und auch an meine Mama, nicht mehr
erinnern. Ich bin mir nicht sicher, ob das gut oder schlecht ist. Einerseits
lässt sich natürlich sagen, dass ich, da ich damals noch so klein
war, praktisch mit Mamas Tod aufgewachsen bin, ich kann mich an keinen Augenblick
bewusst erinnern, an dem es anders war, und so kam nie auf einmal dieser plötzliche
Schock, der jemanden wohl ereilt, der einen Menschen, den er sehr liebt, verliert.
Andererseits habe ich meine Mutter so nie kennen gelernt; ich hatte nie die
Möglichkeit, sie bewusst etwas zu fragen, sie in den Arm zu nehmen, ihr
zu sagen, dass ich sehr liebe. Ich weiß nicht, wie es ist, eine Mutter
zu haben, und je älter ich werde, desto mehr merke ich, wie dringend ich
dieses Gefühl brauchen würde, wir dringend ich meine Mama bräuchte.
Natürlich habe ich auch früher schon gemerkt, dass sie mir sehr fehlt;
oft, wenn ich abends zu den Sternen geschaut habe, ist mir das aufgefallen.
Auf dem Grabstein meiner Mutter steht: Per aspera ad astra, zu deutsch: Auf
rauen Wegen zu den Sternen. Den Spruch hat mein Vater uns früher vorgelesen,
als wir noch nicht lesen konnten und Mamas Grab besucht haben; seitdem ist für
mich klar, dass meine Mutter da oben irgendwo ist, mich sehen kann und das gibt
mir Kraft.
Warum?
Die Frage nach dem Warum quält mich manchmal, früher wie heute. Als
ich noch jünger war, konnte ich nicht verstehen, dass die Ärzte meiner
Mutter nicht helfen konnten. „Hätte sie nicht weiterleben können,
wenn sie gesagt hätte, dass sie nur noch Salat isst? Warum denn nicht?“,
habe ich meine Oma einmal gefragt; Salat habe ich damals, wie die meisten Kinder,
nicht gern gegessen, ich wusste aber, dass er sehr gesund ist, und dachte, dass
meine Mama dadurch gesund hätte werden können. Es wurde einem ja auch
immer gesagt: „Du musst Gemüse, Salat und Obst essen, sonst bekommst
Du keine Vitamine und wirst krank.“
Heute weiß ich natürlich, dass auch Salat nichts hätte ausrichten
können; Hirnschlag ist nach wie vor eine Krankheit, an der viele Menschen
sterben müssen.
Heute frage ich anders nach dem Warum. Warum gerade meine Mutter, sie war eine
so liebe Frau, so eine gute Mutter, warum dann gerade sie? Was hat sie denn
getan? Es gibt ein Lied, das „Die Besten sterben jung“ heißt,
und ich denke, dieses Lied trifft genau die Sache. Aber es gibt keine Antwort,
warum gerade diese Besten früh sterben, obwohl man sie doch eigentlich
braucht, eben weil sie die Besten sind.
Ich glaube an Gott; er ist es, den ich auch oft frage: Warum hast Du das zugelassen?
Vielleicht, denke ich dann, ist es ja so, dass er nicht immer alles kontrollieren
will, nicht bei allem mitentscheidet, mitwirkt, sondern die Menschen auch einfach
leben lässt. Trotzdem erklärt das nicht, warum dann immer gerade die
nettesten Menschen sterben müssen; aber ich denke, er wird mir eine eines
Tages eine Antwort darauf geben. Vielleicht haben wir es einfach nicht verdient,
die guten Menschen so lange bei uns zu behalten, womit wir bei einer anderen
Frage wären, die ich mir manchmal stelle: „Liegt es an mir, dass
Mama sterben musste. Bin ich ein schlechter Mensch? Ich weiß es nicht;
aber ich bin sicher, eine irgendwann eine Antwort auf die Frage nach dem Warum
zu bekommen.
Zukunft
Auch wenn die Sehnsucht nach meiner Mutter wie gesagt mit zunehmenden Jahren
stärker geworden ist, hilft mir der Gedanken, dass sie mich sehen kann,
immer noch sehr.
Besonders freut es mich auch, wenn ich mir Fotos von ihr anschaue, und darauf
eine Ähnlichkeit ihrerseits mit mir entdecke, oder wenn mein Vater mir
manchmal sagt:„Du bist wie deine Mutter“.
Ich habe den Eindruck, dass ein Teil von ihr in mir weiterlebt. Darüber
hinaus rede ich oft mit ihr, und auch wenn ich dabei sehr traurig bin, geben
mir diese Gespräche ein Gefühl des Trostes, ich weiß, dass ich
nicht alleine bin, dass sie da ist und auf mich aufpasst.
Genauso wie davon ich auch überzeugt bin, dass ich meine Mama irgendwann
wieder sehen werde; dann, wenn mir auch die Warum - Frage beantwortet wird,
dann werde ich meine Mama ganz bewusst sehen können. Keine Gedanken dann
mehr an alle Tränen, aller Kummer, alle Qual; dann können wir glücklich
sein.
Anhang
Hier meine e-mail – Adresse; vielleicht gibt es jemanden, der ähnliches
erlebt hat und sich austauschen möchte (würde mich sehr darüber
freuen), oder jemanden, der etwas zu meinem Erfahrungsbericht sagen oder fragen
will, roehrig_sarah@yahoo.de