Dino's Geschichte
Vor 9 Jahren bin ich zu meinem jetzigen Mann nach Bayern gezogen. Es war keine
leichte Entscheidung, aber es lief alles gut und ich habe es nicht bereut. Das
negative an der Sache war, ich habe meine Mutter 400 km entfernt in meiner Heimatstadt
zurückgelassen. Natürlich hatten wir regelmäßig Kontakt
und haben uns gegenseitig besucht. Ich muß dazu sagen, meine Eltern haben
sich scheiden lassen, als ich 4 Jahre alt war. Ich habe meinen Vater seitdem
nie wieder gesehen. Meine Mutter lebte also allein und nun war ich auch noch
weg. Ich bin ein Einzelkind und habe sonst keine weiteren Verwandten. Es war
für meine Mama sicherlich schwieriger als für mich, aber jeder muß
doch sein Leben leben, oder???
Vor 4 Jahren ist sie dann in meine Nähe gezogen, wir waren nur noch ca.
20 km getrennt. Sie hatte sich sehr gut eingelebt. Ich bekam mein Baby und sie
war sehr stolz auf ihren Enkel. Wir haben uns regelmäßig gesehen
und alles war prima. Aber auf einmal war sie ständig im Krankenhaus wegen
irgendwelchen Sachen. Sie hat nie über Krankheiten usw. gesprochen und
wenn man mit ihr darüber reden wollte, ist sie immer richtig böse
geworden. Irgendwann habe ich das akzeptiert, anders brachte es ja auch nichts.
Sie war dann zum 3. Mal innerhalb kurzer Zeit im Krankenhaus, da bin ich ohne
ihr Wissen zum Chefarzt gegangen und bekam die niederschmetternde Diagnose –
Lungenkrebs, aussichtslos, da nicht operabel. Aber es bestand eine winzige Chance
für meine Mama. Sie war schon immer eine Kämpfernatur. Ohne Jammern
und Klagen hat sie die ganze grauenhafte Prozedur aus Strahlen- und Chemotherapie
in Angriff genommen. In der Uniklinik haben wir sie dann nur 1x wöchentlich
besucht. Sie wollte es so. Sie hat immer gesagt, sie muß mit der Krankheit
klarkommen, also müssen wir uns auch an ihre „Regeln“ halten.
Naja, im Nachhinein ist das für mich schon irgendwie verständlich.
Andererseits wollte ich ihr ja auch zeigen, dass ich für sie da bin. Sie
hatte doch auch sonst niemanden, d. h., sie hatte schon seit über 20 Jahren
einen Freund, der aber in einer anderen Stadt lebte. Sie hat zu mir immer gesagt,
er weiß Bescheid. Und ich habe mich schon gewundert, warum er sich nicht
meldet, dabei hat er nichts gewusst, aber rein gar nichts. Als ich ihn von ihrem
Tod benachrichtigt habe, ist er am Telefon zusammengebrochen. Das war so furchtbar.
Es war ja für mich schon alles so unvorstellbar, aber er hatte ja nicht
mal gewusst, dass sie so krank war. Sie haben regelmäßig telefoniert
und sich auch ab und zu getroffen, aber sie hat nie auch nur irgendeine Andeutung
gemacht. Ihm ist schon aufgefallen, dass sie sehr stark abgenommen hat, aber
wie schon gesagt, über ihre Krankheiten hat sie nie gesprochen und sie
wollte eben auch nicht, dass man sie ständig fragt.
Also sie war 2 Monate zur Behandlung in der Uniklinik, danach ging es ihr relativ
gut. Uns wurde auf Nachfragen beim Chefarzt gesagt, es sähe ganz gut aus,
der Krebs hätte noch nicht gestreut und sie wäre eine sehr starke
Frau, die nicht aufgibt. Eine genaue Prognose wagten die Ärzte nicht, aber
es sah wohl gut aus und wir schöpften natürlich Hoffnung. Meine Mutter
machte eine Reha und es ging ihr relativ gut (wenn man das bei der Krankheit
so nennen kann).
Ein halbes Jahr später wollten wir sie zu einem Ausflug mitnehmen und sie
war nicht daheim. Wir hatten zwar nichts ausgemacht, aber es war doch ungewöhnlich.
Zunächst habe ich mir noch nichts dabei gedacht, wir sind dann abends noch
mal bei ihr vorbeigefahren, aber sie war immer noch nicht da und das war gar
nicht ihre Art. Der erste Gedanke war, sie ist im Krankenhaus. Dort sind wir
dann auch hin und sie lag schon 1 Woche drin und hat uns nicht Bescheid gesagt
bzw. Bescheid sagen lassen. Toll, ich stand da wie ein Depp und jeder dachte
natürlich, wir kümmern uns nicht richtig.
Jedenfalls hatte meine Mama Wasser in der Lunge, es wurde abpunktiert und es
hieß, sie kommt bald wieder heim. Großer Irrtum – das Wasser
ging nicht weg. Was sonst noch genau war, wurde uns nicht gesagt, von ihr nicht
und von den Ärzten auch nicht. Sie sagten nur immer, sie hätte keine
Metastasen, was uns natürlich immer wieder hoffen ließ. Sie war über
4 Monate im Krankenhaus (was auch ungewöhnlich ist, normal schicken sie
einen dann zum Sterben nach Hause – zumindest war das bei anderen so,
die wir kennen). Ungefähr 4 Wochen vor ihrem Tod sagte der Chefarzt noch
zu mir, sie kann bald wieder nach Hause, aber wie lange ihr insgesamt noch Zeit
bliebe, könne er aufgrund der Diagnose nicht sagen. 14 Tage später
nahm er mich plötzlich bei Seite und sagte, der Krebs hätte ganz plötzlich
gestreut und sich nunmehr im ganzen Körper ausgebreitet, Knochen, Gehirn,
Leber usw. , es bliebe ihr noch ungefähr eine Woche. Ich wusste, dass das
möglich war, habe selbst jahrelang in einem Krankenhaus gearbeitet. Ich
habe sie jeden Tag besucht und auch meinen Sohn noch mal mitgenommen, obwohl
er sie so nicht sehen sollte bzw. es auch nicht erlaubt war (Kinder und Schwangere
sollen irgendwie nicht mit Krebspatienten zusammenkommen wegen Strahlen bzw.
Chemo ????). Er war damals 3 Jahre alt. Als wir zum Auto gingen, sagte er zu
mir „Muß die Omi jetzt sterben?“. Ich habe ihm nicht antworten
können, habe schauen müssen, dass ich so tränenaufgelöst
noch Auto fahren konnte und er nichts merkt. Kinder spüren es trotzdem,
wenn man traurig ist. Ich brauchte mich also nicht verstecken.
Also, ich habe meine Mama jeden Tag besucht (vorher war ich 3 – 4x die
Woche bei ihr und habe mit ihr viel telefoniert). Nach einer Woche habe ich
immer gedacht, die müssen sich irren. Es hat sich doch nichts verändert.
Sie freut sich, wenn ich komme und blüht richtig auf. Sie sagte „Wenn
ich endlich hier raus bin, gehen wir 2 mal wieder richtig schön bummeln,
mit ausgiebig Kaffeetrinken und allem drum und dran“. Was sollte ich ihr
darauf antworten, wo ich doch wusste, dass das nicht mehr stattfinden würde.
Ich weiß bis heute nicht, ob sie gewusst hat, dass es zu Ende geht. Sie
hat nie auch nur ein Wort darüber verloren. Sie hat immer abgeblockt, ich
habe mich dann einfach dran gehalten und das Thema nicht mehr erwähnt.
3 Tage bevor sie starb, war sie plötzlich schon nicht mehr richtig bei
sich. Wie konnte das sein, am Vortag haben wir uns doch noch ganz normal unterhalten.
Jetzt liegt sie da und zuckt die ganze Zeit, sagt zu mir „Wer sind sie?“
Ich wusste überhaupt nicht, was los war, wie ich mich verhalten sollte,
alles war irgendwie so eigenartig. Ich habe zu ihr gesagt „Mama, ich bins.“
Sie hat mir ihren Mädchennamen gesagt. Ich stand da und wusste überhaupt
nicht, wie ich reagieren sollte. Plötzlich war sie wieder ganz klar und
sagte, passt gut auf Euch auf. Dann zuckte sie wieder und war nicht mehr bei
sich. Von den Ärzten und Schwestern hatte niemand Zeit mit mir zu sprechen.
Sie sagten nur kurz angebunden, der Zustand sei bei der Menge an Morphium normal.
Super, nun stand ich da.
Irgendwann bin ich dann heimgefahren, keine Ahnung wie.
Am nächsten Tag bin ich wieder hin (irgendwie hatte ich gehofft, dass es
ihr wieder besser geht). Aber sie lag im Koma, war einfach nicht mehr ansprechbar.
Ich hatte mich doch gar nicht verabschiedet. Sie hatte doch die aktuellsten
Fotos von ihrem Enkel noch gar nicht angeschaut und wieso hat uns eigentlich
niemand benachrichtigt, dass sie im Koma liegt?????
Ungefähr 24 Std. später kam die Nachricht, dass sie friedlich eingeschlafen
sei. Naja, friedlich ja wohl eher nicht. Denn sie muß furchtbare Schmerzen
gehabt haben, dass Morphium hat wohl zuletzt nicht mehr gereicht in der Dosierung,
aber sie durften ihr nicht mehr geben, damit sie nicht an einer Überdosis
Morphium stirbt. Bis 2 Tage vor ihrem Tod hat sie alles genau mitbekommen, dass
es zu Ende geht. So steht es im Arztbericht. Sie hat kein einziges Wort darüber
verloren. Ich wollte ihr doch wenigstens sagen, wie sehr ich sie lieb hab.
Das schlimme ist, wir haben dann erfahren, dass sie bereits sämtliche Formalitäten
für die Beerdigung erledigt hatte. Sie wollte eine Urnenbeisetzung ohne
großes Trara. Ja, was sollte ich machen, ich musste ihren letzten Willen
ja schließlich respektieren. Die Urnenbeisetzung war ja noch okay, aber
ohne Trauerfeier, ohne ehrende Worte für sie – das war sehr schwer.
Im Nachhinein sind immer noch so viele Fragen offen, die mir wohl nie beantwortet
werden.
Wie in Trance haben mein Mann und ich ihre Wohnung ausgeräumt und übergeben.
Es ging alles ganz mechanisch. Die erste Zeit habe ich auch gar nicht weinen
können, das kommt jetzt erst irgendwie nach 1,5 Jahren.
Jeder sagt auch, für sie war es besser, sie muß die furchtbaren Schmerzen
nicht mehr ertragen, was ja auch wieder stimmt. Es war aber meine Mama und sie
ist nun nicht mehr da. Aber jetzt ist nun schon eine gewisse Zeit um und niemand
will mehr was davon hören. Aber ich vermisse sie trotzdem und es tut mir
weh, dass sie nicht mehr da ist. Freundinnen treffen sich mit ihren Müttern
zum Kaffeetrinken usw. Das geht alles nicht mehr. Mein Sohn fragt ständig
nach ihr. Es ist erstaunlich, da er bei ihrem Tod erst 3 Jahre alt war. Aber
er gibt mir dadurch auch viel Kraft, weil für ihn in seiner kindlichen
Art alles so einfach ist. Wenn ich mal sehr sehr traurig bin, sagt er z. B.
„Mama, ich baue dir eine Leiter in den Himmel hinauf, dann kannst du deine
Mama besuchen“. Ich bin sehr stolz auf meinen kleinen und ich bin sicher,
seine Oma wäre es auch.
Eine andere Sache ist da auch noch, was den Tod meiner Mama betrifft.
Die Klinik, in der sie gestorben ist, ist in die Schlagzeilen geraten bzw. deren
Chefarzt. Durch seine Unachtsamkeit, Sturheit, Medizinerstolz u. ä. ist
eine Patientin gestorben. Es gab danach ein sehr unschönes Gerichtsverfahren
und er ist jetzt auch verurteilt worden zu Gefängnis und natürlich
Berufsverbot. Danach haben sich noch mehr Patienten bzw. Angehörige gemeldet,
wo auch Sachen nicht korrekt zugegangen sind. Und nun frage ich mich natürlich
auch, wurde wirklich alles für meine Mama getan????? Sie selbst hat sich
in der Klinik sehr wohl und gut betreut gefühlt. Sie hätte sich auf
mein Anraten niemals verlegen lassen und während der Zeit ihres Aufenthaltes
dort, gab es ja auch keinen Grund dazu.
Naja, Fragen über Fragen, auf die ich wohl niemals eine Antwort erhalten
werden.
Anfangs 2003 ist auch mein Vater gestorben. Ich hätte über 30 Jahre
keinen Kontakt mehr zu ihm, konnte bzw. kann mich kaum an ihn erinnern. Plötzlich
kam dann dieses Schreiben vom Amtsgericht. Sein Tod ist mir nicht so nahe gegangen,
muß ich ehrlich sagen, ich hatte einfach keinen Bezug zu ihm.
Jetzt ist die Sache anders, wenn plötzlich gar niemand mehr da ist. Es
ist wirklich furchtbar, keine Eltern mehr zu haben. Ich habe nur noch meinen
Mann und mein Kind und sonst keinerlei Familie mehr.
Durch dieses Forum ist es für mich leichter geworden. Wenn es mir wirklich
schlecht geht, schaue ich hier vorbei. Da weiß ich, dass mich die Leute
verstehen und dass ich niemandem auf den Nerv gehe. Oft gibt es hier auch Leute,
denen es noch schlechter geht. Denen mache ich dann Mut. Und schon sieht meine
Welt gar nicht mehr so dunkel aus.
Dino
Mama, Du fehlst mir so unendlich.