Hochzeit ohne den Brautvater
Am kommenden Freitag (21.Mai
2004) ist es nun schon 4 Wochen her...
....4 Wochen, dieser Zeitraum sagt rein gar nichts aus!
Mein Vater litt schon seit einigen Jahren an Asthma. Auch sein Herz machte ihm
hin und wieder Probleme. Er war aber ein Mensch, der nicht gerne über seine
Krankheit sprach. So konnten wir Kinder und auch unsere Mutter gar nicht genau
einschätzen, wie krank er überhaupt war.
Nach einem Vorderwandinfarkt konnte er stabilisiert und ins örtliche Krankenhaus
gebracht werden. Nach ein paar Tagen dort, verlegte man ihn in eine Klinik in
die nächst gelegene Großstadt, in der es Herzspezialisten geben würde.
Die Behandlungen dort kann ich nicht nachvollziehen, denn sie fanden außer
Herzkammerflimmern noch eine kleine Zyste an seinen Stimmbändern, die sie
ihm als erstes operativ entfernten. Da der Krankenhauskomplex in verschiedene
Bereiche aufgegliedert ist, lag er auf der „HNO-Station“ und an
seinem Herzen wurde nichts weiter untersucht oder behandelt. Mein Vater wurde
sogar kurz nach dem Eingriff entlassen und er sollte sich selbst um einen ambulanten
Termin für eine Herzkatheter-Untersuchung kümmern. Sind das nun die
Sparmaßnahmen unserer Krankenkassen oder hat mein Vater uns nicht die
Wahrheit erzählt und da schon schlechte endgültige Nachrichten von
den Ärzten erhalten? Diese Frage ist eine der vielen, die für immer
offen bleiben werden. Selbst als er dann die Katheter-Untersuchung am Herzen
bekam, wurde er am Nachmittag ohne Befund wieder nach Hause geschickt. Die ganze
Zeit im Krankenhaus und auch danach haben wir zwar gemerkt, dass er angeschlagen
war, aber keiner von uns hätte mit etwas Schlimmen gerechnet.
3 Tage später....
...Es war der 23. April, der Geburtstag meines Verlobten. Stephan und ich hatten
unsere Eltern zum Kaffee eingeladen, in wenigen Wochen (am 25. Juni) wird die
Hochzeit sein und es gibt noch viel zu bereden. Meine Mutter wollte Kuchen backen
und für den Abend Salate vorbereiten. Sie meinte dass sie vor den Eltern
von Stephan da wären, damit wir den Kuchen dann schon bereit stellen könnten.
Die Zeit nach der Arbeit verging wie im Flug, ich deckte den Tisch und Stephan
fuhr noch schnell los Getränke für den Abend einkaufen. Stephan kam
zurück und auf einmal standen SEINE Eltern vor der Tür. Das kam uns
allen „komisch“ vor, da meine Mutter immer sehr auf Pünktlichkeit
bedacht ist. Nach einer kurzen Beratungszeit beschloss ich bei meinen Eltern
anzurufen. Doch da ging nur der Anrufbeantworter dran. Dann auf dem Handy, hatte
ich die Freundin meines Bruders am Apparat. Sie sagte mir, dass mein Vater bevor
er mit meiner Mutter losfahren konnte, draußen wahrscheinlich einen Herzinfarkt
bekommen hätte und dass der Notarzt gerade bei ihm wäre. Sie wisse
noch nicht in welches Krankenhaus er käme, aber sie würde mich auf
dem Laufenden halten. Ich legte den Telefonhörer auf und mir rasten 1000
Gedanken durch den Kopf. Auf einmal hatte ich panische Angst. Um irgend etwas
zu tun, machte ich Kaffee und packte Plätzchen aus, da wir ja jetzt ohne
Kuchen da saßen. Aber natürlich war das jedem unwichtig. 20 Minuten
später klingelte das Telefon und meine Mutter sagte mit leiser Stimme:
“Der Papa ist tot!“ Ich brach in Tränen aus und sagte nur NEIN
NEIN NEIN ! Dann konnten wir beide nichts mehr sagen und ich legte auf. Nun
saßen wir da und ich wollte auf dem schnellsten Weg zu meiner Mutter,
hatte aber noch meine angehenden Schwiegereltern hier sitzen. Es war doch der
Geburtstag ihres Sohnes. Darf an solch einem Tag so etwas schlimmes passieren??????
Sie verabschiedeten sich ziemlich bald und wir fuhren zu meiner Mutter. Es ist
so unfassbar, ich war und bin noch immer wie gelähmt.
Bei meiner Mutter in der Wohnung angekommen, waren meine beiden Brüder
auch schon da. Nun bekam ich den ganzen Ablauf erklärt.
Meine Eltern gingen aus dem Haus und mein Vater war guter Dinge. Lustig und
meinte noch, er würde sich richtig auf den Nachmittag freuen. Am Auto angekommen,
ging es ihm auf einmal nicht gut und er setzte sich auf den Rand des offenen
Kofferraumes. Eine Passantin bot ihre Hilfe an und meine Mutter eilte ins Haus,
um einen Notarzt zu verständigen. In der Zeit stand mein Vater wieder auf,
meinte es ginge ihm besser und setzte sich auf den Fahrersitz. Meine Mutter
kam zurück und legte einen Arm um ihn und redete beruhigend auf ihn ein.
Sie erzählte er hätte so laut geatmet, aber was sie als geräuschvolles
einatmen deutete, sagte ihr der Notarzt später, sei die letzte Regung der
Lunge gewesen nämlich die Luft hinaus zu lassen. Aber das wusste sie ja
zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Dann kam sogar vor dem Arzt eine Polizeistreife,
die meine Mutter stoppte. Die Beamten holten meinen Vater aus dem Auto heraus,
legten ihn auf die Strasse und leisteten direkt Erste Hilfe Maßnahmen.
Der Notarzt kam, ironischer Weise war es der selbe Arzt, der meinen Vater bei
dem vorhergehenden Infarkt behandelt hatte, so dass meine Mutter irgendwie beruhigt
war, ein „bekanntes“ Gesicht zu sehen. Sehr schlimm für sie
waren die ganzen Schaulustigen. Mein Vater lag auf der Strasse und starb und
sie gafften! Eine Oma mit Kind an der Hand... Meine Mutter meinte, ob sie ihrem
Enkel den Anblick nicht ersparen möchte und die Frau meinte nur: „Wieso,
man sieht doch gar nichts.“ Darauf schrie meine Mutter diese Frau an und
sagte: „Na dann gehen sie doch auch weiter!“
Der Notarzt konnte dieses mal meinem Vater nicht mehr helfen...
„Dank“ den Erzählungen meiner Mutter kann ich mir alles „nur“
in meiner Fantasie vorstellen und ich habe ständig das Bild im Kopf, dass
mein Vater auf der Strasse im Dreck gestorben ist. Dann wiederum durch die Aussage
des Notarztes, ist es ja eigentlich in seinem Auto passiert und das ist ein
„guter“ Platz für ihn.
Sein ganzes Berufsleben lang, war dies ein Ort für ihn, in dem er die meiste
Zeit verbracht hat. Unter der Woche im Außendienst tätig und nur
am Wochenende zu Hause. Seit fast 2 Jahren war er nun in Rente. 63 Jahre alt
durfte er werden.... Ist das gerecht? Seit seinem 14. Lebensjahr hat er hart
gearbeitet. 3 Kinder aus denen etwas „Ordentliches“ geworden ist,
denen es nie an etwas gefehlt hat. Außer an dem Vater selbst? Ich bin
nur so froh, dass wir keine „Rechnung“ mehr offen hatten. Kein klärendes
Gespräch, was jetzt nicht mehr möglich wäre. Im Gegenteil, ich
habe mich sogar einmal bei ihm bedankt und ihm gesagt wie sehr ich ihn dafür
bewundere, dass wir als Kinder immer alles hatten. Sei es die teuren Turnschuhe
von Adidas, oder ein Fahrrad, oder die Stereoanlage, oder oder oder.... Sogar
unsere Mutter konnte immer für uns da sein, wenn wir aus der Schule kamen.
Sie musste nicht arbeiten gehen und wir waren keine Schlüsselkinder. All
das habe ich ihm gesagt.
Und nun mussten wir ihn verabschieden.
Der Tag der Beerdigung lief für mich wie ein Film ab. Auch heute wenn ich
daran denke, ist es so, als wäre ich an allem gar nicht beteiligt gewesen
und wäre nur Zuschauer. Natürlich habe ich bis heute auch viel geweint,
aber eine richtige Erlösung, oder dass ich alles was passiert ist verstanden
hätte, das ist nicht der Fall. In ein paar Wochen wollen wir heiraten.
Mein Vater hat Stephan immer sehr gemocht und war glaube ich auch glücklich
mit meiner Wahl. Ich bin die einzige Tochter und liebevoll nannte mich mein
Vater auch immer seine Lieblingstochter. Wie soll ich den schönsten Tag
in meinem Leben ohne ihn überstehen?
Mein Vater war eine „rheinische Frohnatur“, er hat immer gerne gefeiert
und gute Laune gehabt. Freunde meinten, ob wir den Hochzeitstermin nicht verschieben
wollten. Aber was ist in ein paar Wochen später denn anders? Mein Vater
wird nicht dabei sein!
Es fällt mir so schwer die Tatsache zu akzeptieren! Wie bewältigt
man seine Trauer? Warum wird es einem in der Schule nicht beigebracht, wie Sexualkundeunterricht
zum Beispiel? Oder ein Kurs bei der VHS, der einem Tipps für den Alltag
gibt.
WARUM? W A R U M? W a r u m? Warum?