Elternlos-Forum
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Erweiterter Suizid
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ahasver3



Anmeldedatum: 25.01.2005
Beiträge: 1
Wohnort: Heidelberg

BeitragVerfasst am: 25.01.2005, 13:44    Titel: Erweiterter Suizid Antworten mit Zitat

Hallo,

und leider habe auch ich nur unfassbare Mitteilungen: Mein Vater hat an den Weihnachtstagen Suizid begangen. Er war schon länger krank (Herzprobleme, usw.) und hatte scheinbar keinen Mut mehr zum Leben. Das grauenvolle ist, dass er zuvor meine Mutter getötet hat. Die Ehe war schon lange nicht mehr intakt, die beiden haben aber gemeinsam in einer Wohnung gelebt, obwohl sie sich nichts mehr zu sagen hatten. Keiner von beiden hat sich aber zu einer Scheidung durchringen können. Meine Mutter war eine lebenslustige und unternehmungsfreudige Person. Ich vermisse sie sehr und bin unendlich traurig, das cih ihr nicht helfen konnte. Ich bin Einzelkind (33 Jahre) und war ein absolutes Wunschkind für sie. Alles was ich im Leben erreicht habe, habe ich ihr zu verdanken.
Wer hat noch mit der schweren Last des Suizids mit Tötung des Ehepartners zu kämpfen? Bin für jeden Austausch danbar!
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Brit



Anmeldedatum: 24.10.2004
Beiträge: 93
Wohnort: 29328 Fassberg

BeitragVerfasst am: 25.01.2005, 19:43    Titel: Antworten mit Zitat

Liebe ahasver3,

was Du erlebt hast, ist einfach unvorstellbar, ohne Worte.
Mein Vater hat sich auch das Leben genommen, es ist jetzt 2 Jahre her,
aber meine Mutter hat meinen Vater bereits seelisch umgebracht.
Sie hat sich von ihm getrennt nach 30 Ehejahren, und ist mit seinem besten Freund durchgebrannt. Ich hatte nur noch Hass und Verachtung für sie übrig. 8 Jahre lang war mein Vater eigentlich schon tot, seelisch zumindest. Ich bin nun 37 Jahre, aber glaube mir, es ist immer schwer, so etwas zu verarbeiten.
Ich denke das Du in diesem Forum sehr gut aufgehoben ist, es gibt viele Menschen, die ähnliche Schiksale teilen, und es hilft mit gleichgesinnten zu sprechen.

Ich wünsche Dir viel Kraft.

Alles liebe Brit
_________________
Das Leben ist viel zu kurz, um sich um den Sinn des Lebens gedanken zu machen. Lebe einfach, jeden Tag intensiver als den vorigen.
Ich war 35 Jahre als mein Papa mit 57 Jahren freiwillig ging.
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iser



Anmeldedatum: 03.03.2005
Beiträge: 312

BeitragVerfasst am: 08.03.2005, 20:06    Titel: Das Unfassbare Antworten mit Zitat

Hallo,

Deine Geschicht erschlägt einem den Atem. Ich verstehe Deine Gefühle man denkt sowas passiert nur im Fernsehen, das kann jetzt gar nicht wahr sein. Meine Eltern haben sich vor langer Zeit beide das Leben genommen. Du brauchst einfach ganz viel Zeit...... und es wird Dich immer begleiten, aber nicht mehr lähmen.

Schreib Deiner Mama einen lieben Brief, vielleicht schaffst Du es auch bei Deinem Vater. Dieser unsagbarer Hass darf Dich nicht auffressen...

Ich wünsche Dir alles Liebe und viel Kraft.

Denke daran, versuche überall nur das Positive zu sehen auch wenn Du es noch nicht spüren kannst.
_________________
Lebe Dein Leben...Du hast nur dieses...und die Toten werden Dich begleiten
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Gast






BeitragVerfasst am: 23.06.2005, 10:34    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo,
wenn ich mir Deine Geschichte so anhöre, verschlägt es mir fast den Atem. Ich bin fassungslos. Wie kann ein Mensch so etwas tun. Über sein eigenes Leben zu richten, ist die eine Sache, aber jemanden einfach "mitzunehmen"?! Es tut mir sehr leid für Dich, es muss schwer sein, damit zurecht zu kommen. Hat Dein Vater etwas hinterlassen?
Liebe Grüße Joe
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Kerttuli



Anmeldedatum: 12.10.2005
Beiträge: 3

BeitragVerfasst am: 14.10.2005, 23:31    Titel: erweiteter suizid Antworten mit Zitat

lieber ahasver3,

ich würde mich gerene mit dir austauschen, denn ich habe Ähnliches erlebt.

Ich habe zwei Elternteile an einem Tag verloren, meine Mutter und meinen Stiefvater, der wie ein Vater für mich war, da er seit meinem dritten Lebensjahr diese Rolle übernommen hat.

Mein Stiefvater hat diesen Sommer erst meine Mutter und dann sich selbst erschossen.

Ich finde den Begriff "erweiteter Suizid" irgendwie unpassend, verharmlosend, auch wenn ich weiss, dass das der korrekte Begriff ist. Meine Mutter war gerade so frisch verliebt, sie hätte nie Selbsmord begangen, nein es war Mord. Geplant. Und doch bin ich nicht wütend. Damit kommen viele nicht klar. Zum Glück verstehen mein Bruder und ich uns sehr gut und sind uns seltsamer Weise in allen Dingen so einig...zum glück habe ich ihn.. ich bin nicht wütend weil ich verstehe.. Innerhalb von wenigen Monaten ist mein Stiefvater psychisch krank geworden, er hat sich aufgegeben, war ein gebrochener Mensch. Er hat alles verloren als meine Mutter ihn wegen eines anderen nach 20 jahren seiner Aufopferung für sie, verlassen hat, aber das gab ihm kein Recht meine Mama zu erschiessen. Sie war eine wunderbare Frau und er war auch ein wunderbarer Mensch, früher.

wie geht es dir jetzt, 10 Monate später? hast du übrigens einen Abschiedsbrief bekommen?
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iser



Anmeldedatum: 03.03.2005
Beiträge: 312

BeitragVerfasst am: 15.10.2005, 20:58    Titel: Hallo Kertulli Antworten mit Zitat

Ich antworte Dir lieber hier, da ich diesen Ort passender finde. Nein...ich habe auch keine Abschiedsbrief gefunden...habe das ganze Haus abgesucht doch es war nix da...es quälen mich auch Gedanken...(habe aus Wut alles kurz und klein gehauen)

ich denke...meine Eltern waren krank...freue mich zu hören dass Du mit Deinem Bruder einen guten Kontakt hast...meine Schwestern haben leider nie aufgehört den Weg zu gehen...so mußte ich den Kontakt brechen...mit Einer habe ich ein bißchen Kontakt....doch die Andere flippt in den Gegenden von meinen Eltern rum....anderes Thema

finde es o.k. dass Du das Motiv verstehen kannst...habe Achtung dass Du keinen Hass hast...Du hast den Mann aber auch lange genug gekannt!!!!!!!!!!!

Wünsche Dir das ahasver3 Dir antwortet...ich warte immer noch auf jemanden wo beide Eltern Suizid begangen haben....

alles liebe iser Winken
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Brit



Anmeldedatum: 24.10.2004
Beiträge: 93
Wohnort: 29328 Fassberg

BeitragVerfasst am: 23.10.2005, 19:44    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo,

zum Thema Abschiedsbrief,
mein Papa hat einen Abschiedsbrief geschrieben, der mir von der Polizei damals ausgehaendigt wurde. Ich hatte gedacht, das mir mein Papa ein paar persoenliche Worte geschrieben hat, leider nein.
Er hat nur geschrieben, das er meine Mutter immer noch liebt, obwohl sie bereits seit 4 Jahren geschieden waren, und das er stolz war so eine tolle Tochter gehabt zu haben, seine letzten Worte taten mir so weh.
Der letzte Satz blieb leider unvollendet.

Das Warum, auf das warte ich heute noch.

Alles liebe Brit.
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Ich war 35 Jahre als mein Papa mit 57 Jahren freiwillig ging.
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SONNE



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Beiträge: 188

BeitragVerfasst am: 24.10.2005, 20:37    Titel: Antworten mit Zitat

also mein daddy hat keinen brief geschrieben und ich hab es auch schnell positiv gesehen, also es gibt ja warscheinlich mehrere theorien:
die meiner therapeutin:
oft schreiben die "opfer" an ihre hinterbliebenen briefe, wenn sie diesen noch schuld zu weisen möchten und daher passt es das mein daddy keinen geschrieben hat
sonne
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anna 1000
Gast





BeitragVerfasst am: 11.04.2006, 19:23    Titel: Antworten mit Zitat

Was mich total wütend macht, sind Sätze wie: "Ich bin total sprachlos". Ist ja gut und verständlich, dass ihr so fühlt, wenn euch jemand von einem erweiterten Selbstmord in der Familie erzählt. Aber müßt ihr das auch sagen??? Euch ist das sicher nicht bewußt, denke ich zumindest, aber trotzdem laßt euch sagen: Sowas kann ganz schön verletztend auf Angehörige wirken und noch trauriger machen. Ich hatte auch einen erweiterten Selbstmord in der Familie, meine Großmutter, sie nahm ihren Mann mit in den Tod. Eine furchtbare Sache. Doch neben der unermeßlichen Trauer und den unvermeidbaren Selbstvorwürfen, die man sich macht, und der schrecklichen Ohnmacht, ist da noch das Sich-Schämen. Obwohl man nichts dafür kann, aber dennoch - man denkt sich: Sowas kommt in meiner Familie nicht vor. Und doch, sowas kann überall vorkommen. Man kann es nicht fassen, aber trotzdem. Meine Bitte an alle da draußen: Überlegt, was ihr sagt zu Angehörigen - mitunter kann man ganz schön verletzen. Und zu sagen: Ich bin so fassungslos, hilft keinem weiter.
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desiree



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Beiträge: 662
Wohnort: Tief im Westen

BeitragVerfasst am: 11.04.2006, 19:49    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Anna1000,
dies ist ein freies Forum indem jede(r) ihre/seine Meinung sagen darf und diese wird auch respektiert.

Ich schreibe das nur wenn jemand noch sehr junges seine Eltern durch Suizid verloren hat oder wenn die Geschichte sehr emotional einhergeht!

Wir sind eine Art Familie hier und wir möchten den anderen nur Zuspruch geben und ihm zeigen das wir mitfühlen und trauern!

Niemand ist davon gefreit das es einen Suizid in der Familie geben kann und sich Schämen braucht hier niemand,ganz im Gegenteil,hier sind wir sicher und jede(r) ist willkommen!

Uns ist aber stetz bewußt was wir sagen,denn es geht hier jedem mal gut und mal schlecht.

Gruß Désirée
_________________
Ich bin am 09.06.2003 Halbwaise geworden,mein Vater starb an Magenkrebs.01.10.05 ist Cleo( 3,5),24.12.05 ist César(4,5),25.12.05 ist Lady(1),13.03.08 ist Flecki ( 2,8 ),19.07.2009 ist Tammy(3,5)gestorben.Im Himmel wieder vereint.Ich liebe euch alle sechs!
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Anna1000
Gast





BeitragVerfasst am: 11.04.2006, 21:14    Titel: Antworten mit Zitat

Du hast recht, das ist ein freies Forum, und Gefühle und vor allem Ehrlichkeit prägen derartige Foren. Darum laß mich auch sagen, was mich kränkt und was ich nicht mehr hören kann- auch wenn diese meine Art der Trauer (gemischt mit Sich-Schämen)offensichtlich aus der „Norm“ fällt, ich also nicht nur unendlich traurig bin, sondern zugeben muß, dass mich manche Aussagen (obwohl immer lieb und gut gemeint)tief deprimieren und mir daher Ärger bringen. Ich denke so, du anders –und das ist absolut ok. Es ist sicher gut gemeint von dir, wenn du sagst, es muß sich hier keiner schämen. Aber Sich-Schämen kann man leider genauso wenig abstellen wie Trauer- und ist genauso wenig schlecht wie Trauer. Dieses Gefühl ist da, es quält, es nervt, und es tut weh, und oft mischt es sich mit Trauer. Glaube mir, wie gerne würde ich dieses dezente Gefühl des Sich-Schämens einfach los werden! Mich persönlich kränken eben Aussagen wie "ich bin fassungslos,etc." und mir tun mitleidige Blicke sehr weh, mehr noch, solche Aussagen machen mich total traurig und sie ärgern mich, das habe ich hier preisgegeben, und ich glaube, das darf ich auch, weil es eben ein freies Forum ist. Und ich habe meinem Ärger darüber zum ersten Mal Raum gegeben. Ein erweiterter Selbstmord löst nicht "nur" Trauer und Ohnmacht, sondern bei manchen eben auch Scham aus, auch wenn dieser völlig irrational ist. Darum haben´s auch Freunde von Trauernden in Zusammenhang mit Suizid so schwer- Worte, die bei dem einen helfen, machen die Situation bei dem anderen noch unerträglicher.

Gruß, Anna
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desiree



Anmeldedatum: 23.03.2004
Beiträge: 662
Wohnort: Tief im Westen

BeitragVerfasst am: 11.04.2006, 21:32    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Anna,
warum gibst du deinem Scham nicht einfach einen Namen und meldest dich bei uns an! Es ist kostenlos und du mußt nichts angeben was du nicht willst!

Glaube mir darüber reden ist die bessere Lösung als alles in sich hinein zufressen. Ein user wollte aufhören war einige Zeit weg doch nun ist er wieder da und ich bin froh darum. Es war auch mein Beitrag das er nicht ganz weg war.

Ich habe auch sehr oft Frust,weil mein Papa mich allein gelassen hat dabei wollte er immer für mich da sein! Auch ich schäme mich,weil andere ihren Papa noch haben und sie wissen nicht wie gut es ihnen geht.

Ich mag auch nicht immer das gleiche schreiben und manchmal sage ich auch gar nichts,was nicht heißen soll das es mich nicht interessiert. Die Kunst ist was zu sagen,wenn man es mag!!! Und wenn was nicht passt dann wird es geklärt und dafür bin auch ich da!!!

Lieben Gruß Désy
_________________
Ich bin am 09.06.2003 Halbwaise geworden,mein Vater starb an Magenkrebs.01.10.05 ist Cleo( 3,5),24.12.05 ist César(4,5),25.12.05 ist Lady(1),13.03.08 ist Flecki ( 2,8 ),19.07.2009 ist Tammy(3,5)gestorben.Im Himmel wieder vereint.Ich liebe euch alle sechs!
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hannah



Anmeldedatum: 21.02.2005
Beiträge: 128
Wohnort: Leipzig

BeitragVerfasst am: 12.04.2006, 11:27    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Anna,
wenn Du die Beiträge hier gelesen hast, dann wirst Du auch sicher bemerkt haben, dass die Sätze 'Ich bin fassungslos/sprachlos' oftmals von Menschen kommen, die selber einen Suizid oder erweiterten Suizid in der Familie erleben mussten. Ist dieser Satz nicht eine normale Reaktion auf dieses Geschehen? Ist er nicht die normale Reaktion auf jede Art von Tod? Warst Du nicht selbst fassungslos, als Du damals vom erweiterten Suizid Deiner Großmutter erfahren hast? Ich glaube schon und ich finde diese Reaktion als Erst-Reaktion auch angemessen. Ich war auch fassungslos, als ich vom Tod meines Dads erfuhr - und alle meine Freunde waren sprachlos.

In meinen Augen ist nicht diese erste Reaktion entscheidend - sondern das Bemühen um den anderen in den nächsten Monaten. Wie fähig ist man dann, mit dem anderen offen zu reden, Tabu-Themen aufzugreifen, nachzufragen, zu trösten usw. Und vieles hängt auch vom Trauernden selber ab. Vielleicht gelingt es den Freunden die eigene Sprachlosigkeit zu überwinden - aber dem Trauernden nicht. Vielleicht will er nicht nachdenken, vielleicht will er verdrängen, will keinen Trost... Aber dann ist es an ihm, genau das zu kommunizieren.

Vielleicht magst Du uns erzählen, wie in Deinen Augen eine angemessene Reaktion aussehen könnte. Was Du erwartest von den anderen... Ich find's gut, dass Du sagst, was Dir nicht passt - aber noch besser fände ich, wenn Du sagst, was Dir passen würde Winken Vielleicht könnte ich dann verstehen, warum Du offenbar Deine Scham in Verbindung mit der Fassungslosigkeit der Umwelt bringst. Denn diese Fassungslosigkeit entsteht doch einzig und allein aus der Tragik des Ereignisses und nicht daraus, dass es gesellschaftlich nicht akzeptabel ist. Oder hab ich da was durcheinander gebracht?

Ich würde mich freuen, wenn Du was dazu schreibst!

Liebe Grüße,
Hannah
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Anna1000
Gast





BeitragVerfasst am: 12.04.2006, 14:42    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Hannah,

deine Reaktion habe ich z Bsp sehr schön gefunden. Da war nichts Belehrendes und nichts Mitleidiges dabei, sondern ein Ich-will-deine-Trauer-verstehen. Ich denke, es ist enorm schwierig für Angehörige von Trauernden, "richtig" zu reagieren. Wie ich schon sagte, was für den einen die richtigen Worte sind, sind für den anderen Anlaß, noch trauriger zu werden. Ich hatte das Glück, dass mein Vater damals an meiner Seite war, als das Unglück mit meinen Großeltern passierte. Er war eine unglaubliche Stütze, klar, er kannte ja seine Schwiegereltern und deren Probleme, und ich mußte keine meiner Gefühle oder Aussagen zensieren (und geschämt hab ich mich vor ihm natürlich auch nicht). Und sein Humor und seine Aktivität hat mir sehr geholfen. Mit den Jahren hatte ich das ganz gut verwunden, u.a. dank seiner Hilfe- denke ich. Gottseidank bin ich eine recht starke Persönlichkeit. Dann aber passierte etwas, was mich glaube ich noch viel, viel mehr traf: Auch mein Vater beging Suizid ("dank" des Alkohols). Alle meine inneren Bilder, die ich vom Leben hatte, waren plötzlich völlig schief: Das konnte doch nicht sein, soviel Pech, meine Familie war beruflich sehr erfolgreich, nach außen hin stabile Menschen, die alles im Griff hatten und sehr angesehen waren, aber in ihnen hat es gebrodelt. Viele unausgesprochene, verschleppte Probleme. Und ich war der Vermittler, schon als Kind. Ich habe mich am Ende so betrogen gefühlt- da habe ich meiner Familie geholfen, was möglich war, und jetzt stehe ich alleine da. Wer von ihnen ist da für mich? Ich muß mein junges Leben allein bewältigen. Wenigstens mein Freund ist immer da, aber der weiß nur vom Selbstmord meines Vaters (da waren wir schon zusammen), aber ihm auch von meinen Großeltern zu erzählen- das kann ich nicht, dafür würde ich mich echt total schämen, ich würde mich so asozial vorkommen. Die Menschen denken ja generell, sowas käme nur in total asozialen Familien vor. Ich hätte Angst vor eben dieser Fassungslosigkeit und vor dem Mitleid- und dass keiner mehr was mit mir zu tun haben will, weil ich soviel Pech hatte. Es ist komisch, so tolerant ich anderen gegenüber bin, so wenig tolerant bin ich mir selber gegenüber. Ich trauere um meinen Vater und meine Großeltern, ich bin wütend auf sie - und ich muß zugeben, ich schäme mich für sie, ich wäre am liebsten kein Teil von ihnen. Alle Probleme gingen nicht von mir aus, denn ich packe Probleme an, sondern von meiner Familie- die mir ihre Probleme auch noch aufdrückten. Ich weiß nicht, wie ich diese "dunkle Seite" meiner Famililie und meiner Vergangenheit verarbeiten kann und sich dieses Schämen in ein stolz-auf-mich-sein verwandeln läßt. Mir haben diese Sorgen sehr viel Energie gekostet- da kann man von Natur aus stark sein, aber ich fühle mich schon seit Jahren ausgelaugt und halte nicht mehr so viel aus wie früher. Selbst eine Therapie hat mir nicht wirklich geholfen, ich fühle mich oft, als wäre ich vom Pech verfolgt.
Um deine Frage zu beantworten, wie die Menschen in meiner Umwelt reagieren hätten sollen, die von beiden Selbstmorden in meiner Familie bescheid wußten (also Verwandte und Freunde von früher, die das erfahren haben, aber sicher nicht durch mich). Ich hätte gern gehabt, dass sie mich angerufen und mit mir viel unternommen hätten. Ich bin mir vorgekommen als hätte ich eine ansteckende Krankheit. Ich bin mir so anders vorgekommen - ich denke, das tut mir am meisten weh. Ich hätte mir gewünscht, dass meine Freunde und v.a. meine Verwandten versucht hätten, mich aufzuheitern- mir einfach geholfen hätten, meinen Humor (den ich gottseidank besitze) am Leben und groß zu halten. Zeit und Unterhaltung, das hätte ich mir gewünscht. Einfach, dass nicht nur ich zuständig dafür bin, mal eine Pause von meinem Traurigsein einlegen zu können und dadurch Energie sammeln kann, sondern dass einfach meine Verwandten für mich überlegen, ohne dass ich mich gezwungen fühle, mich gleich wieder zu revanchieren. Sie haben mich einfach allein gelassen, keiner hat sich gemeldet. Ich habe mich bei kaum jemandem gemeldet, außer bei meinem engsten Freund, ich hätte gerne gehabt, dass das meine Verwandten und Freunde nicht als "Laßt mich in Ruhe" verstanden hätten, sondern als Aufforderung, dass jetzt sie mal an der Reihe sind, mich anzurufen, zu besuchen und aus meinem Trauer-Loch rauszuholen. Und ich hätte mir gewünscht, dass mich meine Freunde auch mal drei Jahre später gefragt hätten, ob ich noch traurig bin.

Danke, Hannah, für deine sehr gute Frage. Gute Fragen können wirklich nicht viele stellen, du hast das geschafft, dass ich mal in diese Richtung gedacht habe und so meiner Trauer mal Luft geben konnte.

LG Anna
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iser



Anmeldedatum: 03.03.2005
Beiträge: 312

BeitragVerfasst am: 12.04.2006, 16:19    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Anna,

ich habe meine Eltern beide durch einen gemeinsamen Suizid verloren, meine große Schwester empfindet ähnlich wie Du...sie hat auch eine Art Schamgefühl, möchte am liebsten aus einer anderen Familie kommen. Mein Vater hat auch sehr viel Geld verdient und Suizid oder der erweiterte Suizid geht leider durch alle Schichten.....

Habe mich hier im Forum auch schon nicht verstanden gefühlt....bin von meinen Freunden auch nie gefragt worden wie ich damit umgehe...auch ich habe eher die Rolle der Vermittlerin...die Alles kann....habe den Kontakt zu den Meisten abgebrochen....

Suizid ist ein Tabu....habe hier auch schon darüber geschrieben!!!!!! Ich persönlich finde es nicht schlimm wenn einer sagt er ist fassungslos, ich bin es ja selbst manchmal....sondern die Zeit heilt alle Wunden.....dies sind für mich leere Worte...wir werden viele Fragen mit in unser Grab nehmen

alles liebe iser
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