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Waise als junger Erwachsener/ im Studium

 
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Orpheline



Anmeldedatum: 06.06.2015
Beiträge: 1
Wohnort: Essen

BeitragVerfasst am: 06.06.2015, 15:04    Titel: Waise als junger Erwachsener/ im Studium Antworten mit Zitat

Hallo ihr Lieben,
ich eröffne diesen Thread aus zwei Gründen: zum einen möchte ich mich vorstellen, weil ich mich gerade neu angemeldet habe und zum anderen möchte ich über meine Lebenssituation schreiben, da ich hoffe, Leute zu finden, denen es ähnlich geht.
Ich weiß, dass solche langen Forumsmonologe anstrengend zu lesen sind, daher teile ich das in zwei Abschnitte ein. Im ersten Teil schreibe ich über meine familiäre Situation (ich bin weiblich, 22 Jahre alt und seit letztem Jahr Vollwaise. Mein Vater verstarb 2008 an einem Herzinfarkt und meine Mutter letztes Jahr an Krebs) und im zweiten Teil über mein Leben als Studentin und die Probleme, die die Trauer in meinem Alltag aufwirft.

Wie schon oben erwähnt habe ich meinen Vater sehr plötzlich verloren, als ich 15 Jahre alt war. Er war 59 Jahre alt und sollte schon länger sein Herz untersuchen lassen, was er aber immer wieder vor sich hergeschoben hat. Eines Morgens war es dann zu spät und diese Situation war so unvorhergesehen, dass sie meine Mutter und mich fast in eine Existenzkrise gezogen hätte. Wir haben das aber irgendwie geschafft, ich bin zu einer Therapeutin gegangen, habe mich um meine Mutter gekümmert, wie ich nur konnte und habe mich auf die Schule konzentriert, da ich im Lernen Ablenkung sah. Meine Mutter hatte schon zwei Mal Brustkrebs überstanden, litt aber seitdem an schweren Depressionen. Ich weiß nicht mehr so genau, wie ich das alles geschafft habe. Aber ein paar Jahre später hatte ich mein Abitur, meine Mutter hatte einen neuen Partner und hat mich sogar darin unterstützt, mich für die Uni in verschiedenen Städten zu bewerben. Als ich dann weggezogen bin, hat sich das Verhältnis zu meiner Mutter noch mehr verbessert, sie hat mich mein Ding machen lassen und mir vertraut, war aber trotzdem immer für mich da und ich habe sie gerne besucht. Irgendwann hat sie sich von ihrem damaligen Freund getrennt und wurde wohl irgendwie immer einsamer. Ich habe das nicht so mitbekommen, weil sie, wenn wir telefoniert haben oder ich zu Besuch da war, besser gelaunt war. Ich habe zwar einen Halbbruder (er ist älter als ich und hat einen anderen Vater), aber der ist schon sehr lange Drogen abhängig und hat sich kaum um meine Mutter gekümmert, auch wenn er nur 10 Minuten von ihr entfernt gewohnt hat. Meine Mutter bekam dann irgendwann Atembeschwerden und es wurde festgestellt, dass sie Wasser in der Lunge hat. Es wurden erst Lungen- und Rippenfellentzündungen vermutet, aber irgendwann kam dann die Diagnose, dass das Wasser von Metastarsen kommt. Danach hat meine Mutter noch drei Monate gelebt, bis sie Ende Juli letzten Jahres eingeschlafen ist. Wir wissen alle nicht, ob meine Mutter von ihrem einen Arzt eine genaue Prognose bekommen hat, sie hat es uns jedoch nicht erzählt und niemand hatte damit gerechnet, dass es so schnell gehen würde. Es gibt kein Wort, das annähernd beschreiben könnte, wie sehr ich sie vermisse.

Und da kommen wir zu dem zweiten Teil, wie geht es mir ein dreiviertel Jahr später? Ich lebe in Essen in einer WG mit 4 Personen und wir unternehmen sehr viel miteinander, ich zwar keinen festen Freund, aber trotzdem ein gutes soziales Umfeld und ich bin eigentlich heilfroh, dass ich mir das hier alles aufgebaut habe. Ich hätte ohne die Leute hier und mein Studium gar nichts mehr und irgendwie hat mich dieses Umfeld letztes Jahr aufgefangen und dafür gesorgt, dass ich bis jetzt geschafft habe. Aber die Medaille hat auch eine andere Seite. Ich habe hier nur junge Leute um mich herum, die so gut wie alle eine (mehr oder weniger) intakte Familie hinter sich stehen haben. Ich kenne keine anderen Vollwaisen. Niemand versteht, wie es ist, den wichtigsten Menschen in seinem Leben zu verlieren, denn dass das für mich meine Mutter war, habe ich jetzt gelernt. Sie sind überfordert mit meiner Trauer, sie wissen auch nicht, wie lange so ein Prozess anhält. Ich kämpfe mitterlweile selbst mit Depressionen und sozialen Ängsten und meine das wirklich ernst. Ich kenne Suizidgedanken. Ich habe Angst vor der Zukunft. Ich habe Angst davor, noch mehr in meinem Leben zu verlieren und daher auch Angst, überhaupt neue Bindungen aufzubauen. Das alles verstecke ich, indem ich einfach weiter an dem Leben hier teilnehme, meine Kurse an der Uni besuche und so mache, als ginge es mir wieder besser. Ich habe manchmal versucht, mit Freunden darüber zu sprechen, aber niemand hat mich wirklich verstanden und manche Sachen habe ich mich nicht getraut anzudeuten. Ich fühle mich oft ausgeschlossen und von den anderen isoliert, wenn sie über ihre Familien sprechen, über ihre Vorhaben und Träume und so weiter. Ich habe das alles nicht mehr. Meine Verwandten im Saarland versuchen es ab und zu, sich um mich zu kümmern, vor allem meine Tante, aber habe einfach kein Vertrauen in sie und kann sie nicht wirklich als Bezugsperson annehmen. Da ist einfach niemand.

Hoffentlich sprengt mein Text nicht sämtliche Rahmen und ihr konntet mir irgendwie folgen. Ich würde mich wirklich sehr gerne mit Leuten austauschen, die meine Situation zumindest halbwegs nachempfinden können.
Liebe Grüße an alle!
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Mark.a.R.



Anmeldedatum: 02.03.2013
Beiträge: 28

BeitragVerfasst am: 08.06.2015, 23:19    Titel: Richtig gemacht Antworten mit Zitat

Hallo Orpheline!

Danke für deinen Beitrag! Und die Offenheit, mit der du ihn geschrieben hast. Ich kenne beides: sowohl den Verlust meiner Eltern, als auch genau die Schwierigkeiten im 'normalen' Leben, die du beschreibst. Ich habe auch in einer WG gewohnt und ein gutes soziales Umfeld gehabt, die mich aufgefangen haben. Und doch habe ich immer gemerkt, dass irgend etwas anders ist ...

Wir sind ein echt kleiner Kreis! Es gibt nicht viele junge Menschen, die beide Eltern verloren haben. Und Trauer und Traurigkeit über den Verlust und die Erinnerungen sind dabei das eine. Das Leben 'danach', das Funktionieren und die Unsicherheit bezogen auf Schwäche zeigen und die Traurigkeit, der Vergleich mit anderen, anscheinend so normalen Familien und der Umgang mit den eigenen Erfahrungen ist das andere.

Aber vielleicht muss ich vorher was klar stellen: Ich bin -leider- mittlerweile nicht mehr jung! Aber die Erfahrungen, die ich gemacht habe, liegen ungefähr in dem Alter, das du beschreibst. Ich war 15 als meine Mutter und 19 als mein Vater starb. Beide waren vorher lange und schwer krank.

Ich bin erst sehr spät hier in das Forum gerutscht und war überrascht, dass es den anderen in vielen Bereichen ähnlich ging!
Dazu gehört sicher auch das, was du über neue Beziehungen und Vertrauen schreibst. Ich habe -und wollte das auch - lange Zeit alleine gelebt bzw. sogar Angst gehabt, neue Bindungen einzugehen und vor allem Verantwortung zu übernehmen. Ich kenne auch das von dir beschriebene Gefühl des Ausgeschlossenseins.

Und ich glaube, dass es hier vielen so geht. Deswegen hast du es richtig gemacht! Du hast es beschrieben. So viel Klarheit in Bezug auf meine Situation damals hätte ich mir gewünscht!

Doch bitte ich dich um einen Gefallen: Gib dir Zeit!
Ich glaube mittlerweile, nein, eher gesagt, ich weiß es, dass alles das, was du beschreibst, zu der Situation gehört, in der du dich befindest. Ich habe lange versucht, das zu ignorieren oder dagegen anzukämpfen.
Aber das hilft nur teilweise oder kurzfristig. Dieser ganze Gefühlecocktail ist eine Folge von dem, was wir erlebt haben. Wie ein Tsunami die Folge eines Erdbebens ist, gehört dieser 'Gefühlstsunami' zu der Erschütterung, die dein, mein, unser Leben heimgesucht hat!

Und mach bloß kein scheiß bezogen auf suizidale Gedanken! Du hast heute das Gefühl, die Situation haut dich um! Aber weißt du was morgen ist? Vielleicht hast du morgen das Werkzeug, was dir heute noch fehlt. Und das würdest du nie erfahren, wenn ... Nein, das sind zwar Gedanken, aber keine Alternative. Glaub mir! Und noch etwas spricht dagegen: Wir sind sowieso nicht so viele mit diesen Erlebnissen - und deswegen brauchen wir jeden einzelnen! Nein, auch aus diesem Grund: keine Alternative!!

(Ich hoffe, du verstehst, was ich damit sagen will. Ich will das auf keinen Fall banalisieren, aber auch diese Gedanken können 'nur' eine Folge aus den Erlebnissen sein... )


Ich bin mittlerweile über 40 und ich habe eine eigene Familie, eine Frau und 4 Kinder. Ich gehöre somit schon wieder zu einer Randgruppe, denn der Durchschnitt liegt weit drunter. Nicht jeder Tag ist zuckerschlecken, ehrlich gesagt, so mancher Tag ist echt verdammt anstrengend. Aber weißt du was? Mittlerweile fühle ich zum Teil einen gewissen Stolz, es irgendwie geschafft zu haben! Und die Erlebnisse aus meiner Jugend, die mich früher fast umgehauen hätten, geben mir mittlerweile sogar ein gewisses Maß an Ruhe.

Wir haben überlebt! Du und ich und wir alle hier. Und wir haben das Recht dazu, unsere Gefühle ernst zu nehmen. Vielleicht müssen wir sie nicht immer allen zeigen, aber akzeptieren wir, dass sie zu uns gehören und nur eine Folge dieser Erfahrungen sind, auf die wir alle gerne verzichtete hätten. Bekämpfen wir sie nicht noch, nur weil wir uns durch oder von anderen dazu gedrängt fühlen.

Oha, jetzt habe ich aber viel geschrieben. Ich hoffe, das war ok bzw. nachvollziehbar!

Ich drück dir die Daumen und wünsch dir erstmal alles Gute!
Und was das Studentenleben angeht: Genieß es - und nimm vor allem die Partys mit!

Liebe Grüße


Mark
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Astrid



Anmeldedatum: 10.04.2014
Beiträge: 5
Wohnort: Wien

BeitragVerfasst am: 15.07.2015, 16:10    Titel: Antworten mit Zitat

Liebe Orpheline, lieber Mark,
vielen Dank für eure Beiträge. Ich hatte zu meinen beiden Eltern eine sehr innige Beziehung, die von Geborgenheit und Verständnis geprägt war. Ich war zwar recht unabhängig, aber ich habe mich so gefühlt als wäre unter dem Drahtseil, auf dem ich tanze, ein starkes Netz und darunter noch eine dicke, kuschelige Matte. Sodass, sollte ich fallen, mir nichts passieren kann, weil meine Eltern als Netz und Matte da sein würden. Als ich mit 17 meinen Vater verloren hatte - er war Marathonläufer und Triatlet und wurde beim Radtraining von einer tschechischen Pensionistin "übersehen" - war plötzlich nur noch ein löchriges Netz da. Meine Mama und ich habe sich umeinander gekümmert so gut es ging. Nun liegt sie im Sterben (Krebs) und es ist nichts mehr da - unter mir nur der steinharte, eisige Boden...
Ihr sprecht mir mit der empfundenen Einsamkeit sowas von aus der Seele. Ich bin einfach so einsam - zwar nicht alleine aber einsam. Ich habe einen sehr großen "Freundes"kreis, aber die Leute sind von so viel Unglück einfach überfordert. Sie haben alle gesunde Eltern und Geschwister und keinen Bedarf intensive Beziehungen zu Nicht-Familienmitgliedern einzugehen. Ich bin mittlerweile auch schon 37 und habe zwei kleine Kinder, dennoch sehne ich mich nach einer Familie mit anderen Erwachsenen, auf die man sich, wenn es hart auf hart kommt, verlassen kann... Vielleicht habt ihr ja auch Interesse an so einer Ersatzfamilie. Kann man natürlich nicht erzwingen, aber vielleicht würde es ja "funken"...
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