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Anna1000
Gast





BeitragVerfasst am: 12.04.2006, 17:13    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Iser,

von Vermittlerin zu Vermittlerin sozusagen. Du schreibst von deiner Schwester, mich interessiert aber vielmehr: Wie geht es DIR jetzt?
Ich kenne das, daß man nicht verstanden wird- ist ja auch ein sehr, sehr komplexes Thema, dieser Suizid, na, und ein erweiterter Suizid macht es vielen Menschen auch nicht gerade noch leichter, darüber mit den Angehörigen zu reden. Du hast recht, leider ein großes Tabu. Und leider, leider ziehen es viele dann vor, einfach gar nicht mit den Angehörigen zu reden - oder zumindest einfach normal mit ihnen umzugehen. Bitte schreib mir von deinen Gefühlen, wie es dir ergangen ist, wie du zu der Vermittler-Rolle gekommen bist und wie du mit dem Thema jetzt klarkommst- falls du willst und dir das hilft, natürlich. Ich denke, dass ich dich sehr gut verstehen werde. Und keine Angst, ich schreibe bestimmt nicht, dass Zeit alle Wunden heilt oder so - das ist auch für mich eine abgedroschene Floskel.
Eines noch, im Abschiedsbrief meiner Großmutter (die für mich wie meine eigentliche Mutter war) stand: Vergiß mich nicht und werde glücklich. An den ersten Teil, sie nicht zu vergessen, halte ich mich, ich grüble und grüble, aber an den zweiten Teil vergesse ich leider gerne, nämlich, dass sie auf alle Fälle wollte, dass ich glücklich werde und es schaffe mehr aus dem Leben zu holen, als sie das geschafft hat- eine neue Chance sozusagen. Ich bin tausendprozentig überzeugt, dass deine Eltern genau diesen Satz bezüglich dir auch gewünscht und gedacht haben.
LG
Anna
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iser



Anmeldedatum: 03.03.2005
Beiträge: 312

BeitragVerfasst am: 12.04.2006, 18:07    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Anna,

gute Frage wie kam ich zu dieser Rolle Mit den Augen rollen weiß die Antwort nicht vielleicht wegen meinem Sternzeichen ich bin Waage (sehr Harmoniesüchtig) kann und konnte immer alle Seiten verstehen und wollte immer nach einer Lösung suchen....kann sehr gut hinten anstehen...dies können leider nicht viele und viele müssen immer mit dem Kopf durch die Wand....wie es mir geht....habe zwei Jahre Einzeltherapie gemacht, in der ich meine Schuldgefühle verarbeiten konnte....habe leider nie einen Abschiedsbrief erhalten....wir waren unseren Eltern zu Lebzeiten nicht so wichtig...habe meine Mutter mal danach gefragt und sie hat dieses auch bestätigt...

Wie geht es mir??? Nun ich lebe damit, mit meiner Trauer...sehr alleine...bin froh hier einen Platz gefunden zu haben wo ich mir Luft machen kann, habe viele Beiträge geschrieben....ich lebe und versuche das Beste mit meiner Geschichte daraus zu machen....es gab Zeiten da ging es mir schlecht und es gibt Zeiten da geht es mir gut....zur Zeit fühle ich mich ausgelaugt und kraftlos...was aber an meiner Arbeit hängt....so melde mich morgen nochmal...mein Jüngster kommt nach Hause...
alles liebe iser

PS: Hast Du noch Geschwister? Wie reagiert Dein Partner wenn Du traurig bist? Schreib wenn Du Lust hast Winken
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Gast






BeitragVerfasst am: 12.04.2006, 19:05    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Iser,

schön, dass du geantwortet hast!
Zu deinen Fragen: Mein Freund ist wirklich toll, er war und ist der Lichtblick in dieser traurigen Sache. Ein anderer hätte da schon wirklich das Weite gesucht, denn: Ja, ich habe Stimmungsschwankungen, obwohl ich mich sehr bemühe, das nicht zu extrem auszuleben bzw ich auch jemand bin, der sich entschuldigen kann, wenn er mal übertreibt. Manchmal geht´s nicht anders, da bin ich völlig down, einfach traurig, bemitleide mich selbst, werde launisch (furchtbar!!!) und lasse meinem Neid freien Lauf (Warum haben andere so tolle Mütter? Warum gibt´s bei uns keine Familie, bei der wir am Wochenende zum Grillen eingeladen sind, und keinen Vater, bei dem man mal seine Sorgen unzensiert los werden kann? Warum werden wir mal Eltern sein, die ihre Kinder nicht zu den Großeltern bringen können, sondern alles allein machen müssen? Warum werden unsere Kinder niemanden Oma und Opa nennen können? Warum muß ich alles alleine machen?). Damit hadere ich oft fürchterlich. Und mit den damit verbunden Stimmungen auch. Ganz furchtbar ist das. An anderen Tagen bin ich dann fröhlich und energiegeladen. Wie in der Pubertät. Aber das ist eine echte Achterbahn-Fahrt.
Wie ist das bei dir? Ich bin ziemlich sicher, dass das bei dir auch so ähnlich ist, nicht wahr???

Deine zweite Frage: Ähnlich wie bei dir, nur habe ich 1 Halbschwester (aus der früheren Ehe meines Vaters). Mein Freund kann sie nicht leiden, und mir hat ihre Reaktion (den anderen gegenüber, denen es klarerweise auch nicht gut ging) nach dem Tod meines Vaters nicht gefallen. Was heißt, nicht gefallen, das war einfach unmöglich. Von Zusammenhalten in schweren Stunden keine Rede. Das hat mir nur noch den Rest gegeben, und ich habe mich, um mir selbst was gutes zu tun, zurückgezogen. Wie gesagt, vor allem von meinen Verwandten war ich superenttäuscht. Irgendwie kam ich mir vor wie die Maus am Mars- ganz alleine.

Wie waren deine Erfahrungen mit der Familie, nachdem "es" passiert war, und hattest du Menschen, die dir eine gute Stütze waren?

LG, Anna
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iser



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Beiträge: 312

BeitragVerfasst am: 13.04.2006, 09:00    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Anna,

nach dem Tod meiner Eltern habe ich mich mit Drogen vollgepumpt, habe alles genommen was es gibt...doch dann bin ich schwanger geworden...als mein Sohn 1 Jahr alt war wurde ich wach und dachte nur was kann dieser kleine Mensch für Dein besch..... Leben...habe dann 1992 zwei Jahre lang eine Therapie gemacht wo ich ihn mitnehmen konnte...bin immer noch clean...nach c.a. fünf Jahren habe ich wie schon mal erwähnt 2 Jahre eine Einzeltherapie gemacht, dies war für mich eine große Hilfe!!!!!

So zu dem Neid, ja ich bin auch manchmal neidisch...meine Kinder haben ihre Großeltern nie kennengelernt, sie wissen aber beide wie sie gestorben sind...wollte nicht dass sie mit einer Lüge aufwachsen...am Anfang wollte ich alles sein...doch irgendwann konnte ich nicht mehr und habe mich als "Mama" akzeptiert....ich bin stolz auf meine Kinder und sie sind das Beste in meinem Leben....ich kenne auch diese Schankungen...gerade noch fröhlich und dann wieder fürchterlich traurig....so ich muss los zur Arbeit...bis bald vielleicht iser
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hannah



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Beiträge: 128
Wohnort: Leipzig

BeitragVerfasst am: 13.04.2006, 13:26    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Anna,
ich habe über Deine Antwort ein Weilchen nachdenken müssen.
Und ich habe noch eine Frage an Dich: Glaubst Du denn, dass die Tatsache, dass Deine Freunde und Verwandten nach dem Suizid Deines Vaters so versagt haben, darauf zurückzuführen ist, dass es eben gerade ein Selbstmord war und kein natürlicher Tod? Und schon der zweite in Deiner Familie? Mir ist diese Frage in den Sinn gekommen, weil ich das, was Du über Deine Wünsche und Vorstellungen bezüglich der Reaktionen anderer geschrieben hast, voll und ganz nachvollziehen kann. Es könnte von mir stammen - obwohl mein Vater sich eben nicht suizidiert hat. Trotzdem haben Angehörige und Freunde gleichermaßen versagt... waren nicht da... haben mich allein gelassen. Ich führe dieses Versagen darauf zurück, dass die Menschen mit dem Tod nun mal nicht umgehen können. Es liegt wohl irgendwie außerhalb der Vorstellungskraft, wenn man selbst noch niemanden verloren hat. Ich habe mich mittlerweile daran gewöhnt - auch wenn ich häufig noch dieses Gefühl des 'anders seins' habe. Es schmerzt, nicht verstanden zu werden und es schmerzt, dass Freunde dieses 'anders sein' nicht registrieren. In ihrem Leben herrscht Normalität, in unseren Leben wird in gewisser Art und Weise nie wieder Normalität herrschen. Aber ich denke, es ist der Tod - und nicht die Todesart, der diesen Graben zieht.

Scham ist etwas sehr seltsames... In jeder Kultur gibt es Scham - nur schämt man sich für unterschiedliche Dinge. Früher als Kind und Jugendlicher habe ich mich manchmal für meinen Vater geschämt. Er war älter als andere Väter, er tat nie was alle machten, fiel aus dem Rahmen, sagte immer, was er dachte und sprengte damit so manche Gesellschaft. Erst viel später, nach seinem Tod, habe ich begriffen, wie einzigartig er war und wie bewunderswert unangepasst. Die Gesellschaft gibt vor, welche Normen, Regeln und Werte als adäquat und angemessen gelten. Uns wird vorgegaukelt, dass Menschen, die aus diesem Raster fallen, falsches Verhalten an den Tag legen. Wir lernen das von Kindesbeinen an, ohne groß darüber nachzudenken. Und Dinge, die nicht in unser Muster passen, sind uns peinlich. Scham ist etwas, was durch die Gesellschaft entsteht und ihre häufig unausgesprochenen Regeln. Aber nicht durch das, was wir tatsächlich denken und fühlen...
Du hast so viele Gründe genannt, warum Du stolz auf Deinen Vater sein kannst. Und doch schämst Du Dich für ihn und Deine Großmutter.
Wie denkst Du denn selbst über Suizid? Ist es etwas, wofür man sich tatsächlich schämen müsste? Und wenn ja, warum?
Oder sind es auch nur so kleinbürgerliche Regeln und Normen, gegen die Deine Familie verstoßen hat?
'Habe Mut Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen' - Du und ich, wir sind doch aufgeklärte Menschen. Wir können uns selbst ein Bild von der Welt und den Dingen machen. Wir können selbst entscheiden, was wir für unangemessen, für falsch, für peinlich halten. DU kannst entscheiden...
Ich kann Deine Wut auf Deine Familie verstehen. Das Gefühl der Belastung...Des Alleingelassen werdens. Aber ich denke, etwas das wir alle hier uns manchmal wünschen, ist das Recht, mal einfach nur traurig zu sein, verzweifelt, schwach und nicht immer so verdammt stark... Einmal die Maske fallen zu lassen, loszulassen, sich gehen zu lassen...
Vielleicht kannst Du ja dieses Recht auch Deiner Großmutter und Deinem Vater zubilligen. Dein Vater war Dir lange Zeit eine Stütze - aber ich denke, auch er hat ein Recht auf Schwäche verdient. Er hat sich dieses Recht genommen - und Du bist mit all den Konsequenzen zurückgeblieben. Doch, ich glaube, ich wäre auch furchtbar wütend. Aber für mich stellt sich viel eher die Frage, ob Du ihm das verzeihen kannst??? Denn ich glaube, Verzeihen ist der Schlüssel zu Akzeptanz... Und wenn man etwas akzeptieren kann, dann kann man es auch viel eher nach außen vertreten.

Liebe Grüße
Hannah
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Anna1000
Gast





BeitragVerfasst am: 22.04.2006, 19:34    Titel: Antworten mit Zitat

Liebe Hannah,
ja, das ist durchaus möglich, dass die Menschen – ganz gleich, um welche Todesart es sich handelt- einfach deswegen für ihre eigenen Freunde und Verwandten, die trauern, nicht da sind, weil sie nun mal nicht mit dem Tod umgehen können. Es ist sogar recht wahrscheinlich, dass die Freunde und Verwandten, die nicht da waren, als wir sie in unserer Trauer brauchten, trotz allem an uns gedacht und mitgefühlt haben. Vielleicht haben sie sich einerseits nur selber geschützt und haben andererseits mit ihrer Unsicherheit, was man am besten sagt, nichts anfangen können. Und irgendwann ist dann halt die Zeit abgelaufen, um etwas zum Trauernden zu sagen, dann tut man halt so als wär nichts gewesen (oder man nimmt an, dass die Zeit ohnehin die Wunden des anderen schon geheilt hat). Unter „selber geschützt“ verstehe ich, dass wir nun mal in einer sehr stressigen Welt mit vielen Anforderungen leben. Ich denke da zB an uns Frauen, was wir täglich alles unter einen Hut bringen müssen: Kind, Mann, Karriere, Freunde, die alte Oma, im Job sind viele Anforderungen, man muss sich ständig weiterbilden, und alles soll möglichst perfekt ablaufen. Stress pur. Und plötzlich ein, zwei Situationen im Freundeskreis, die einfach schockieren: Dort ist der Ehemann der Freundin gestorben, da die Mutter einer Verwandten. Vielleicht kriegt man es da mit der Angst zu tun: Finde ich die perfekten Worte, wie kriege ich das zeitmäßig klar (klingt arg und egoistisch, aber ist es denn nicht so?), zieht mich das alles selber so runter, sodass ich für meine eigenen Kinder und für die Anforderungen im Job nicht mehr richtig fit bin? Wieviel Zeit ist nötig, um den anderen zu trösten?
Dieser Satz „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“ hatte für mich eine große Wirkung. Es ist offensichtlich nicht ganz leicht, das durchzuziehen (sieht man ja an mir, obwohl ich – so glaube ich zumindest- sonst ein sehr offener, toleranter Mensch bin). Ich glaube, diese Scham ist ein unangenehmer Mix zwischen gesellschaftlichen Normen und den eigenen einschränkenden Normen, die man sich eben im Laufe der Zeit zusammengezimmert hat (damit das Leben ja nicht zu einfach ist, denn wer will das schon?). Zu dem stehen was ist und die eigene Familie so akzeptieren wie sie nun mal ist, ist verdammt schwer. Und das ändert sich auch- wie ja auch deine Erzählung über deinen Vater zeigte. Als Kind hat dich seine eigenwillige Art gestört, jetzt – Jahre später – ist diese eigenwillige Art für dich gesellschaftsfähig geworden.
Du hast, da wiederhole ich mich, eine große Fähigkeit für „die richtigen Worte“, Kompliment!
Wie war dein Vater? Stell ihn mir vor, das würde mich wirklich interessieren. Was hat ihn für dich so besonders gemacht?

LG,
Anna
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hannah



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BeitragVerfasst am: 25.04.2006, 12:59    Titel: Antworten mit Zitat

Liebe Anna,
für Dein Umfeld, Deine Verwandten und Freunde scheinst Du trotz allem doch sehr viel Verständnis zu haben. Ein wenig klingt es so, als würdest Du ihr Versagen entschuldigen - oder zumindest verstehen können. Du hast das wunderbar beschrieben... Und dann lese ich irgendwie zwischen den Zeilen, dass Du Deiner Familie nicht so recht verzeihen kannst. Gibt es dafür einen bestimmten Grund? Oder ist der Grund das 'allein-zurückgeblieben-sein'? Oder ist es die ewige Frage nach dem Warum? Ich versuche es ernsthaft zu verstehen... Ich stell Dir mal eine sehr persönliche Frage, auf die Du auch nicht antworten musst: Hast Du manchmal Angst, dass Du es irgendwann mal Deinem Vater und Deiner Großmutter gleich tun könntest? Dass auch Du irgendwann mal ihren Weg gehst, weil Du nicht mehr kannst? Ich stelle mir dies als ein sehr schweres Erbe vor..

Mein Vater... Tja, was hat ihn für mich so besonders gemacht. Es ist schwer zu beschreiben, weil ich erst mit der Zeit realisiert habe, wie ähnlich ich ihm bin. So vieles, was ich früher nicht verstanden habe, begreife ich heute, weil ich es an mir selbst sehe. Mein Vater besaß unheimlich viele Facetten, die auch heute für mich noch kein Gesamtbild ergeben. Er war ein sehr intelligenter Mensch, der unheimlich belesen war und der gemessen an den Möglichkeiten der DDR sehr viel erlebt hatte. Er hat nie viel über sich gesprochen... Sein Innerstes blieb wohl den meisten verborgen. Ich nehme an, dass selbst meine Mutter nur wenig über sein Denken und Fühlen wußte. Ich reime mir heute nach und nach vieles zusammen. Er schoß gerne quer, aber er war auch immer der erste, der aufsprang, wenn irgendwo Unrecht geschah. Er stellte sich vor seine Leute im Betrieb und auch vor uns Kinder. Ich denke, er war in gewisser Weise ein Idealist, durch und durch. Selbstlos. Aber tief in seinem Inneren leider unzufrieden mit sich und seinem Leben. Er hatte eine ungeheure Ausstrahlung und konnte Menschen begeistern. Aber er machte sich eben so rein gar nichts daraus...Volksfeste, bei denen eigentlich Erscheinungspflicht war, hat er ignoriert. Einladungen ausgeschlagen. Familienbesuche gehasst. Er konnte aufbrausend sein, aber wenn man ihn brauchte, dann war er da. Er hat mich nachts von der Disko abgeholt, mit mir Mathe gelernt, mir tausend Dinge beigebracht... Es macht mich unendlich traurig, wenn ich darüber nachdenke, wie wenig ich ihm zurückgegeben habe.
Wenn ich das so lese, dann frage ich mich, ob ihm das gerecht wird. Und ich könnte 10 verschiedene Leute nach ihm befragen und jeder würde mir ein anderes Bild liefern. Sicher ist es bei Deinem Vater nicht anders... Der Suizid sollte nicht das sein, was am Ende von seinem Leben stehen bleibt. Er hat mehr getan und sicher auch viel Gutes. Ich wüßte nicht, wie ich fühlen würde, wenn mein Vater sich umgebracht hätte. Ich wäre sicher unsagbar wütend. Und würde ihn wahrscheinlich auch manchmal hassen... Aber ich würde versuchen, sein Handeln zu verstehen - und ihm damit etwas von dem zurückgeben, was er mir so selbstlos zu seinen Lebzeiten geschenkt hat. Die Wahrheit hat viele Gesichter. Es gibt sie wahrscheinlich gar nicht, DIE Wahrheit. Das Leben breitet sich vor uns aus, mit all seinen Facetten und was wir daraus machen, liegt an uns. Du musst Dir Deine eigene Wahrheit über Deine Familie zurechtzimmern so wie ich dabei bin, mir meine Wahrheit in Bezug auf meinen Vater zu erkämpfen.

LG,
Hannah
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Anna1000
Gast





BeitragVerfasst am: 30.04.2006, 20:17    Titel: Antworten mit Zitat

Liebe Hannah,

mir gefällt die Beschreibung deines Vaters, ich bin sicher, das war ein wirklich toller Mann, du kannst froh sein, so einen Vater gehabt zu haben!! Ich mag Leute - und ich bin sicher, du auch - , die sich was trauen und die zu dem stehen können, was sie fühlen. Er hatte keine Lust auf irgendwelche Feiern oder langweilige Familienfeste - er ist einfach nicht hingegangen. Toll! Viele machen das Gegenteil, sie schleppen sich brav angepaßt auf alle möglichen Feiern und fühlen sich schließlich ausgepowert, weil sie immer entgegen ihrer Wünsche und Überzeugungen handeln. Wie oft hört man jemandem zu oder schenkt einer Person seine Zeit, obwohl man gar nicht will und obwohl man eigentlich weiß, dass diese Person sich einfach ungeniert an anderer Energie und Zeit bedient und nicht im Traum darauf käme, sich mal zu revanchieren. Hut ab vor deinem Vater, es gehört eine große Portion Mut dazu, zu sich zu stehen und einfach Nein zu sagen.
Du hast ja selber mal geschrieben: Als Kind hat dich seine Art genervt, als Erwachsene hast du erkannt, wie toll diese Art eigentlich ist. Ich denke, das kommt daher, dass man als Kind einfach höchstmögliche "Normalität" schätzt, man will nicht aus der Norm fallen. Ein braver Vater ist halt da irgendwie angenehmer und einfacher. Wird man älter, sieht man den braven Vater dann wahrscheinlich eher als langweilig.
Du hattest einen tollen Vater und ja, es ist unglaublich traurig, weil er nicht mehr da ist. Er ist tot. Aber dennoch ist da was, was bleibt (und das vergißt man leider so leicht): Das, was er für dich gemacht hat, vergeht nicht, er hat dich geprägt, in allem was du tust, zeigt sich wieder die leitende Hand deines Vaters von früher. Er kann nicht einfach ganz weg sein, weil du noch in seinem Sinn handelst. Und man sollte nicht vergessen: Es gibt viele, die hatten nicht mal die (wenn auch zu kurzen) Jahre, die du mit deinem oder ich mit meinem Vater hattest. Oder die einen Vater hatten, der nie da war, oder der sie nicht mochte, oder der einfach keinen positiven Einfluß auf sie hatte. Ich denke trotz aller Trauer: Besser einen tollen Vater zu kurz gehabt zu haben als einen miesen Vater das ganze Leben.
Du meinst, ich habe viel Verständnis für meine Verwandten? Naja, ich versuche es halt, obwohl ich tief drinnen nicht sehr verständnisvoll bin und meine Wut sicher größer als mein Verständnis ist. Aber egal wie man sich was erklärt- hundertprozentig sicher kann man sich ohnehin nichts erklären, und vielleicht sollte man eher locker umgehen und sich eher für die positive Erklärung als für die negative entscheiden. Die Wahrheit wird wahrscheinlich irgendwo dazwischen sein. Sicher ist: Zuviel überlegen bringt nichts, sondern schadet eher dem, was es gerade in der Welt schönes zu erleben gibt. Und auch bzgl deines Vaters: So wie du hatte auch er viele Rollen, er war einmal so, ein andermal so. Und selbst wenn irgendwer ihn anders sah: Geschmäcker sind so verschieden wie Einschätzungen, und auch hier glaube ich: Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen, und DIE Wahrheit kann wohl keiner bestimmen.
Bezüglich deiner Frage, ob ich es meinem Vater mal nachmachen würde: Ich antworte eher mit Nein. Klar habe ich Angst, mich auch mal in einem Gefühlsstrudel wiederzufinden, aber keine Ahnung, wie ich reagieren würde. Bisher glaube ich schon noch stark, dass mir das Leben noch sehr viel geben kann- ich hänge schon sehr daran.
Eine Frage an dich: Warst du irgendwie wütend, als dein Vater gestorben ist? Egal, ob Suizid oder nicht, ein Mensch geht aus dem Leben- neben der Trauer sind die Menschen auch meist irgendwie wütend. Wie äußerte sich das bei dir? Und noch eine Frage, auch hier genauso wie dein Zusatz, das ist sehr persönlich, und die Antwort ist logischerweise freiwillig: Wie war de r Tag, an dem dein Vater starb, wie erfuhrst du es? Warst du so gefaßt wie ich (ich habe lange nicht geweint) oder warst du gleich tief traurig?

LG, Anna
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hannah



Anmeldedatum: 21.02.2005
Beiträge: 128
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BeitragVerfasst am: 04.05.2006, 11:23    Titel: Antworten mit Zitat

Liebe Anna,
all das, was Du geschrieben hast, das trifft doch eigentlich auch genauso auf Dich zu. Dein Vater hat Dich ebenso geprägt wie mich mein Vater - und auch in Deiner Persönlichkeit und Deinem Handeln findet sich ein Teil Deines Vaters wieder. Er gehört zu Dir und Deinem Leben dazu und das ist etwas, was Du nicht hinter Dir lassen kannst... Ich glaube auch gar nicht, dass Du das willst, denn ich denke schon, dass Du weißt, was Du an ihm hattest. Gerade deshalb fällt es mir schwer zu verstehen, warum Du ihm seinen Selbstmord nicht verzeihen kannst und warum Du nach wie vor so wütend auf ihn bist...
Wobei - das mit der Wut kann ich schon nachvollziehen. Ich bin auch manchmal einfach nur wütend. Gerade in den Momenten, wo ich einen Rat brauche, eine Frage habe, wo mir etwas aufgelastet wird, für das ich früher nie verantwortlich war, da bin ich einfach nur wütend, weil ich mich allein gelassen fühle. Ich glaube, es liegt in der Natur des Menschen, irgendjemandem die Schuld geben zu wollen... jemanden verantwortlich zu machen für das Unglück. Denn alles andere würde bedeuten, dass das Leben unberechenbar und unkontrollierbar wäre. Und damit kann der Mensch an sich wohl nicht umgehen. Andere hier sind auf die Ärzte wütend, das Pflegepersonal usw. Ich brauche immer ein Weilchen, um mir vor Augen zu führen, dass das Leben manchmal einfach unkontrollierbar ist und dass es Dinge gibt, an denen tatsächlich niemand Schuld trägt. Die man nicht ändern kann - und genau deshalb akzeptieren muss, weil man sich mit fortwährendem Grübeln nur selbst zerstört. Ich versuche mich dann bewußt daran zu erinnern, was mein Dad zu Lebzeiten alles für mich getan hat und ich denke dann, dass es ausreicht, um einfach nur dankbar zu sein. Und schäme mich, weil ich wütend auf jemanden war, der so viel kostbares hinter sich lassen musste.

Der Tag, an dem mein Dad gestorben ist, war ein wunderschöner Sommertag. Ich weiß noch, dass ich einkaufen war und dass ich mich an jenem Nachmittag seltsamerweise mit meinem Freund über das Sterben unterhalten habe. Vielleicht war es so eine Art Vorahnung, denn zu etwa derselben Zeit muss mein Vater gestorben sein. Meine Eltern waren spazieren, ziemlich abgelegen und mein Vater ist einfach zusammengebrochen. Plötzlicher Herztod... Dementsprechend lange hat es gedauert, bis der Notarzt usw. kam... Meine Mutter hat mich dann erst abends von zu Hause aus angerufen und es mir ziemlich aufgelöst erzählt. Ich habe den Klang ihrer Stimme noch im Ohr und auch noch das, was ich gefragt habe. Ich würde mal sagen, ich stand unter Schock. In dieser Nacht habe ich schon geweint, aber dann für lange Zeit nicht mehr wirklich. Ich bin dann am nächsten Tag mit meinem Bruder nach Hause gefahren, weil wir beide woanders studieren und dann gab es unzählige Dinge zu organisieren und zu klären. Ich habe zu der Zeit ein Praktikum gemacht, bin da auch nach zwei Tagen wieder hin... Das Leben ging erstmal weiter, sehr lange Zeit. Es war keine Zeit zum Weinen und ich wollte es auch nicht. In dieser Hinsicht komme ich nach meinem Vater - Gefühle und Probleme werden zurückgehalten und nicht geteilt. Die Trauer kam eher Monate später, wo ich einfach nur erschöpft und überfordert war - und auch irgendwie allein. In gewisser Weise kämpfe ich noch heute mit der Trauer, weil es nie etwas war, was ich verbalisieren konnte...Die Wut kam auch wie die Trauer erst später, als ich verstanden habe, dass es endgültig ist, dass es für den Rest meines Lebens so bleiben wird. Manchmal war ich auch einfach nur furchtbar müde - fast schon lebensmüde. Aber wie Du auch, hänge ich sehr am Leben und glaube, dass man es bewältigen kann!!!

LG,
Hannah
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♥Butterfly&



Anmeldedatum: 03.08.2010
Beiträge: 6

BeitragVerfasst am: 03.08.2010, 11:43    Titel: Antworten mit Zitat

meine mutter hat einen abschiedsbrief hinterlassen. doch ich bekam der nie zu gesicht weil eine tante von mir ihn geklaut hat.
ich hasse sie so sehr dafür. wahrscheinlich hat sie ihn genommen weil meine mama sie darin erwähnt hat.
meine tante hat mindestens mitschuld an dem suizid meiner mutter, sie hat ihr eingeredet sie sei schuld an der magersucht meiner schwester gewesen.

ich hätte gerne die letzten worte meiner mutter gelesen.

lg val♥
_________________
In meinem Herzen wirst du für immer weiterleben.
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