Elternlos-Forum
Eine Lichtung, auf der man verweilen, sich finden und austauschen kann.
 
 FAQFAQ   SuchenSuchen   MitgliederlisteMitgliederliste   BenutzergruppenBenutzergruppen   RegistrierenRegistrieren 
 ProfilProfil   Einloggen, um private Nachrichten zu lesenEinloggen, um private Nachrichten zu lesen   LoginLogin 

mama. (siebzehn jahre abschied.)

 
Neues Thema eröffnen   Neue Antwort erstellen    Elternlos-Forum Foren-Übersicht -> Elternlos durch Krankheit
Vorheriges Thema anzeigen :: Nächstes Thema anzeigen  
Autor Nachricht
jushi



Anmeldedatum: 31.10.2011
Beiträge: 13

BeitragVerfasst am: 31.10.2011, 14:28    Titel: mama. (siebzehn jahre abschied.) Antworten mit Zitat

mama, du lebst nicht mehr, du bist tot und dein körper liegt in einem sarg unter der erde. mama, es ist unfassbar, und ich vermisse dich so, egal wie nahe oder fremd wir uns waren. wie gerne hätte ich noch eine chance für uns zwei, mama, vielleicht hätte aus uns noch was werden können. konntest du nicht noch ein bisschen warten? darauf warten, dass ich mehr kraft spüre, mich um dich zu kümmern? kraft hatte ich meistens nur gerade genug für mich selbst und mein leben. mama, warum konnte dieser verdammte tumor nicht ein bisschen langsamer wachsen oder überhaupt erst später auftauchen? fünf oder zehn jahre später, mama, dann wäre ich als halbwegs erwachsene vielleicht besser mit all deinen veränderungen zurechtgekommen, als ich es mit elf oder dreizehn konnte.

vielleicht hätte ich dir dann etwas von dem geben können, was dein mann leider nicht konnte oder wollte. wie schade, dass er dich nicht so sehr geliebt hat, wie du es dir gewünscht hast. und so sehr, wie du ihn vielleicht geliebt hast. vielleicht hättest DU ihn nie verlassen. vielleicht vielleicht, hätte hätte. wie schade, dass ich mich nicht um dich kümmern konnte, mich informieren, mit ärzten sprechen, mit dir von frau zu frau sprechen. wie schade dass ich nämlich einfach noch ein kind war, das sich selbst nach einer sich kümmernden mutter sehnte. das keine ahnung hatte von hirntumoren und langzeitschäden und ein jahr nach deiner operation und allen therapien ganz naiv ins tagebuch schrieb "juchu, mama ist wieder ganz gesund, danke lieber gott."

ach mama, es wäre papas aufgabe gewesen, sich zu kümmern, sich zu informieren, uns zu helfen. oder auch die deiner eltern und geschwister und freunde. sie waren ja schließlich erwachsen, im gegensatz zu uns. sie hätten dir viel mehr helfen können - warum haben sie es nicht getan und warum haben sie uns nichts erklärt? mama, ich glaube, in einem anderen alter hätte es mir freude bereiten können, mich um dich zu kümmern, in einem alter, das jetzt so allmählich beginnt. jetzt, da ich so alt bin wie du warst, als ich geboren wurde. aber jetzt habe ich keine chance mehr, denn du bist gegangen. du bist tot, du bist einfach tot und ich will dass du zurückkommst und dass alles nur ein böser traum war, aber du wirst nicht zurückkommen.

es tut mir so weh, wie du leben musstest, wie du für uns gekämpft hast und uns dann doch verloren hast, nicht ganz, aber für dich fühlte es sich vielleicht so an. vor allem hast du papa verloren und das tut mir so leid für dich und im nachhinein hätte ich mich damals einfach gern auf deine seite gestellt und gegen ihn, aber ich war einfach auf keiner seite, oder auf beiden.

und weißt du was, mama? auch ich habe gekämpft und verloren, ich wollte uns helfen, alles kitten, uns zusammenführen, ich hatte so eine sehnsucht nach familie und sie wurde mir einfach nicht erfüllt, allen meinen bemühungen zum trotz. da blieb dann nicht mehr viel energie. nicht für dich und nicht einmal für mich selbst. allmählich aber erlange ich sie, ganz kleinschrittig, und ändere meinen blick auf vieles und habe viele ideen für spiele und schöne stunden mit dir. und was machst du? du gehst, du gehst weg, du sprichst nicht mehr, du stirbst. du stirbst einfach, ohne mir die mutter gewesen zu sein, nach der ich mich so gesehnt habe (eine mutter wie ein schutzengel, eine die mich wenigstens ein bisschen bemuttert anstatt sich fast ausschließlich bedürftig zu zeigen). und ohne darauf zu warten, dass ich trotz allem genug kraft habe, um dir mehr zu geben, um mich mehr auf dich einzulassen, und zwar auf die, die du warst und nicht die, die ich wollte. ich habe zeit gebraucht und du konntest nicht länger warten. das ist gemein, mama, das tut weh, verstehst du das nicht?

ich wollte, dass wir uns als erwachsene begegnen, gespräche mit dir von frau zu frau. diese chance hatten wir nie. du hast mich so oft verlassen, immer ein bisschen mehr. dabei wolltest du doch gesund werden, weil deine kleinen kinder eine mutter brauchten. mama, wie hast du dich eigentlich all die jahre gefühlt? mama, ich weiß so wenig von dir. ich bin deine tochter, die erste, dein kleines wunder, und du meine mutter, und doch haben wir uns nie kennengelernt. mama, das ist traurig, so traurig, du hast mich traurig gemacht und ich dich auch. nur ein paar jahre lang waren wir glücklich zusammen und an diese jahre erinnere ich mich kaum. du konntest dich daran erinnern, da hattest du einen gewaltigen vorteil mir gegenüber. und es waren deine glücklichsten jahre, ich hoffe, du konntest sie auch in der schläfrigen betäubten erinnerung noch einmal genießen.

und ich hoffe, du konntest auch später noch momente mit mir genießen, auch wenn sie dir viel zu selten waren. wir haben zusammen traumhochzeit geguckt und udo jürgens gehört. wir haben lange nachts in der küche geredet und ich habe wirklich viel versucht, um dir zu helfen, auch wenn es dir manchmal nicht gefiel. ich hab dir von jungs erzählt, obwohl ich mich nie wirklich verstanden von dir fühlte; aber ich hatte einfach so eine sehnsucht danach, mit (m)einer mama über sowas zu sprechen. ich hab dir geholfen, dein zimmer auszumisten, wir haben einen gemeinsamen urlaub wenigstens ansatzweise geplant, wir haben sagaland gespielt und waren drei mal auf einem udo jürgens konzert. einmal hast du mich in in meiner stadt besucht und wir waren sushi essen. ich habe dich zur demenz-sprechstunde an der uniklinik geschleppt, hab letztes jahr weihnachten vier tage bei dir verbracht und mehr als sonst mit dir gespielt, hab deinen kopf gekrault, weil du das so gerne mochtest. und ich hab immer versucht, dich zu motivieren. und doch werde ich den gedanken nicht los, dass es immer viel zu wenig war. dass ich so viel mehr hätte tun können, um dich ein bisschen, wenigstens ein bisschen, glücklicher zu machen.

in den letzten monaten war ich jede woche einmal bei dir, ich habe dich geküsst und gestreichelt und mich für vieles entschuldigt. hätte ich gewusst, wann du uns verlässt, hätte ich tage und nächte an deinem bett gesessen. so wie deine mutter es getan hat und vielleicht sogar ein bisschen mehr.

oh mama, es muss hart für dich gewesen sein, als ich damals ausgezogen bin, vor neun jahren, schließlich hatten wir uns gerade angenähert. und dann ging auch papa und behandelte dich wie den letzten dreck und die kleinen kamen gerade in die pubertät. ... ach mama, ich versuche wirklich, froh zu sein über die zeit, die wir miteinander hatten, aber es fällt mir so schwer, der schmerz sitzt so tief. ob das für dich wohl ähnlich war? es tut so weh, mama, es tut so weh, vor fünf jahren konnten wir uns noch halbwegs unterhalten, ich vermisse das so mama. ich vermisse es, mit dir zu singen, ich vermisse es, dass du mir zehn mal dasselbe erzählst, oh ich wünsche mir so dass du zurückkommst, aber diesmal geht es nun wirklich nicht mehr, diesmal ist es endgültig wie noch nie. ich werde dich nie wiedersehen und das zerreißt mir fast das herz.
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Emily



Anmeldedatum: 25.07.2010
Beiträge: 18

BeitragVerfasst am: 01.11.2011, 18:26    Titel: Antworten mit Zitat

gelöscht

Zuletzt bearbeitet von Emily am 10.02.2012, 18:09, insgesamt einmal bearbeitet
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
jushi



Anmeldedatum: 31.10.2011
Beiträge: 13

BeitragVerfasst am: 01.11.2011, 23:25    Titel: Antworten mit Zitat

danke, liebe emily.

du hast schon recht, als kind ist man naiv und als kind ist man eben kind. aber ich war elf als alles begann und bin mittlerweile 28. vor zwei wochen ist sie gestorben, das heißt, ich war nicht nur kind. ich war erwachsen und hab doch nicht alles getan, was eine erwachsene hätte tun können.

sie tut mir einfach so leid, so unendlich leid. ich weiß nicht so recht, wohin mit diesem mitgefühl.
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Emily



Anmeldedatum: 25.07.2010
Beiträge: 18

BeitragVerfasst am: 02.11.2011, 17:03    Titel: Antworten mit Zitat

gelöscht

Zuletzt bearbeitet von Emily am 10.02.2012, 18:08, insgesamt einmal bearbeitet
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
jushi



Anmeldedatum: 31.10.2011
Beiträge: 13

BeitragVerfasst am: 12.12.2011, 19:53    Titel: Antworten mit Zitat

liebe emily,

du hast sicher recht.

ich gehe durch die verschiedensten phasen und momentan nähere ich mich schon seit einiger zeit dem kind an, das ich einmal war und das immer noch in mir ist. ich war ja elf als meine mama die diagnose bekam und eigentlich habe ich sie in den folgenden jahren schon verloren, nicht erst jetzt. sie hätte mich gebraucht, aber verdammt, wie sehr hätte ich sie gebraucht! ich habe mich jahrelang so sehr nach einer anderen, einer gesunden mutter gesehnt. und nach einer familie, in der ich geborgenheit finde. die hatte ich aber nicht, unsere familie ist total auseinandergebrochen, es waren furchtbare jahre für mich. und irgendwie musste ich mich einfach selbst durchbringen. ja, so war es. und ganz viel verdrängt habe ich, um mich zu schützen. um irgendwie weiterzukommen.

jetzt bricht so vieles heraus. so viel trauer von damals, soviel schmerz, soviel sehnsucht nach meiner mama. nicht so sehr nach der bedürftigen der letzten jahre, sondern nach der, die sich noch um mich kümmern konnte. und um meine kleinen geschwister, die ja noch viel jünger waren, als mama krank wurde. und ich beginne auch zu verstehen, dass auch 16jährige und 20jährige und irgendwie auch 30jährige noch eine mutter brauchen. das war mir vorher gar nicht so bewusst. dass ich sie wirklich noch lange zeit gebraucht hätte, als mutter, als wirkliche mutter.

vielleicht war es auch ein schutzmechanismus, dass ich mir gesagt hab "ach, mama und ich, wir sind eh viel zu verschieden, wir schwimmen gar nicht auf der gleichen wellenlänge". einfach, um besser damit leben zu können, dass sie gewissermaßen schon so lange nicht mehr da war. oder es ist jetzt eine rosa brille, dass ich mir meine mama so schön rede. dass ich glaube, ihr so ähnlich zu sein wie niemandem sonst in meiner familie. wahrscheinlich liegt die wahrheit irgendwo dazwischen.

jedenfalls macht es mich so wütend und traurig, dass mir die chance genommen wurde, sie kennenzulernen. ihr als erwachsene zu begegnen. alle sagen mir "deine mutter war so eine tolle frau" - wie gerne hätte ich diese tolle frau kennengelernt. sie hat soviel musik gehört, ihre oldies und udo jürgens. jetzt höre ich diese musik und fühl mich ihr so nah und gleichzeitig schmerzt es dann besonders - ich will die musik mit ihr zusammenhören, ich will mit ihr spielen, es gibt so vieles, dass ich gerne tu und das auch sie so gerne gemacht hat. ich bin ihr viel ähnlicher als ich ahnte und es tut so weh, nicht mit ihr leben zu dürfen. irgendwann kinder zu haben, die ihre oma nicht kennenlernen dürfen. ihre oma, die sicher eine wunderbare oma gewesen wäre. sie hat kinder so sehr geliebt. sie hat uns so sehr geliebt.

erst jetzt kommen die fragen nach dem WARUM. das hat nie eine große rolle gespielt, aber jetzt ist es da. "warum wir, warum sie, warum nur?" . das ist wieder ein ganz neuer schmerz und ich kann es nicht fassen, dass ich davon ausgeschlossen bin, eine mama zu haben. der schmerz macht mir angst. ich habe mich mit dem gedanken getröstet, dass ich mir eine ersatzmama suchen kann. aber bisher habe ich keine gefunden und ich habe angst nie eine zu finden und außerdem wäre sie eben doch nur ein ersatz, und nicht meine mama. nicht meine sommersprossige, singende, verrückte mama. die, an die ich mich kaum noch erinnern kann. die, nach der ich solche sehnsucht habe, dass ich einfach nicht weiß, wie ich auf dauer mit dieser sehnsucht leben soll.

wie lebt ihr mit dieser sehnsucht?

und wo kann ich in dieser stadt menschen finden mit einem ähnlichen schicksal? bisher nichts gefunden.... keine spezielle trauergruppe, nichts. Traurig
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:   
Neues Thema eröffnen   Neue Antwort erstellen    Elternlos-Forum Foren-Übersicht -> Elternlos durch Krankheit Alle Zeiten sind GMT + 1 Stunde
Seite 1 von 1

 
Gehe zu:  
Du kannst keine Beiträge in dieses Forum schreiben.
Du kannst auf Beiträge in diesem Forum nicht antworten.
Du kannst deine Beiträge in diesem Forum nicht bearbeiten.
Du kannst deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Du kannst an Umfragen in diesem Forum nicht teilnehmen.


Powered by phpBB © 2001, 2005 phpBB Group
Deutsche Übersetzung von phpBB.de