Anteil nehmen
Heute gehört für viele Menschen zum Umgang mit Trauernden die Frage, wie sie sich gegenüber denen verhalten sollen, die von einem Todesfall betroffenen sind. Die Unsicherheit der Begegnung bezieht sich auf die Frage der eigenen angemessenen Verhaltensweise.
Selbst wenn das persönliche Verhältnis zu Lebzeiten nicht so eng wie das der nächsten Angehörigen zum Gestorbenen gewesen ist, besteht dennoch der Wunsch, die eigene Anteilnahme korrekt zum Ausdruck zu bringen.
Die Todesnachricht
Tritt der Todesfall zu Hause ein, wird er durch einen Anruf von der Station des Krankenhauses, aus dem Alten- oder Pflegeheim, durch Arbeitskollegen oder seitens der Polizei mitgeteilt, so wird dabei immer bereits kondoliert.
Mit dem Überbringen der Todesnachricht vollzieht sich bereits sprachlich eine akzeptable Übersetzung der Todeswirklichkeit. Die Todesart wird durch den Gebrauch eines entsprechenden Zeitwortes für die von dem Tode Betroffenen vorbereitet, gewissermaßen zumutbar gemacht wird. Die Nachricht kann sehr unterschiedliche Reaktionen auslösen.
Kondolieren
Die Frage, ob man im Trauerfall kondolieren oder es besser unterlassen sollte, reicht bekanntlich bis dahin, ob in einer derartigen Ausnahmesituation des Lebens eigentlich mit einen „Guten Tag“ zu grüßen sei, da es für die vom Todesfall betroffenen Menschen überhaupt kein guter Tag sei. Einfach nicht zu grüßen, jedoch erscheint allen unhöflich. Die vertraute Begrüßung zurückhaltend beizubehalten, stabilisiert emotional für alle die ungewöhnliche Lebenssituation.
Die eigene Befangenheit bezieht sich einerseits auf die Fähigkeit der eigenen Ausdrucksweise, sich einer nicht alltäglichen und dazu noch formelhaften Sprache bedienen zu müssen. Solche Adjektive, wie „aufrichtiges…, ganz aufrichtiges…, aufrichtigstes Beileid“, sind fragwürdig und tragen bloß zur Inflationierung der Sprache bei. Die persönliche Unsicherheit bezieht sich andererseits auf die gebotene Höflichkeit der gesellschaftlichen Umgangsformen, in der Ausnahmesituation der vom Tode betroffenen Menschen selbst nicht völlig sprachlos da zu stehen.
Reagieren
Was die unmittelbare Begegnung mit den Trauernden angeht, so gilt die Gepflogenheit, auf eine Todesanzeige in der Zeitung zu reagieren, auf einen erhaltenen Trauerbrief direkt zu antworten, persönlich schriftlich zu kondolieren oder einen Beileidsbesuch abzustatten. Vom Telefonieren sollte grundsätzlich abgesehen werden.
Wer nicht zum Kreis der Verwandten und Freunde des Verstorbenen gehört, der sollte sein Mitgefühl durch die Teilnahme an der Bestattung ausdrücken, ein Kondolenzschreiben aufsetzen oder durch seinen Beileidsbesuch in zeitlichem Abstand vor oder nach der Beisetzung seine Anteilnahme persönlich zum Ausdruck zu bringen.
Die Trauerfeier
Auch wenn die Trauerbräuche in der Kleidungsfrage heute nicht mehr so streng gehandhabt werden, sollten dennoch gedeckter Farben bevorzugt werden, da die Angehörigen selbst noch schwarz tragen. An dem Tag der Bestattung dem Toten die letzte Ehre zu erweisen, ehrt nicht weniger die um ihn trauernden Menschen.
Zum Gottesdienst oder zur Bestattungsfeier sollten Trauergäste etwa 15 Minuten vor dem Beginn erscheinen, ihr Handy unauffällig abschalten, um sich in Ruhe in die Kondolenzliste eintragen zu können, noch einmal vor dem Sarg des Verstorbenen zu gedenken und sich auf dem eigenen Sitzplatz innerlich zu sammeln.
Die Wahl der Sitzplätze der Trauergäste im Verhältnis zum festlich aufgebahrten Sarg drückt ihre Nähe zum Verstorbenen aus. Der trauernden Familie, den Verwandten und Freunden ist von vornherein ein Vortritt einzuräumen.
Dem Kranz oder einer größeren Blumengabe ist ein Kartengruß mit dem deutlich lesbaren Absender anhängen, um den Angehörigen später die Danksagung auch zu erleichtern.
Im Trauergefolge Entsprechend stellen sich die Trauergäste auf dem Weg zum Grab auf. Sie geben dem Verstorbenen und den um ihn Trauernden schweigend das letzte Geleit. Dass es Brauch wird, die vor der Trauerfeier abgelegten Kränze und Blumengebinde selbst wieder aufzunehmen und zum Grab zu tragen, verleiht dem Trauerzug seinen ursprünglichen Sinn, ja, einen würdevollen Charakter. Diese Art des teilnehmenden Gedenkens nimmt der Unterhaltung im Trauergefolge, die bisweilen einsetzt, jeden Grund.
Am Grab
Selbst am offenen Grab angekommen, sollte dort mit nachdenklichem Verweilen und einem Gebet dem Verstorbenen die letzte Ehre und den Trauernden die würdigende Anerkennung ihrer Situation erwiesen werden.
Es ist ein guter Brauch, den dreifachen Erdwurf des Geistlichen oder Trauerredners mit dem dreifachen Erdwort: “Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staube“ selbst aufzunehmen und wörtlich zu wiederholen oder wortlos einen Handstrauß als letzten Gruß in das Grab gleiten zu lassen.
Beileidsbekundungen in der Nähe des offenen Grabes - mit einem persönlichen Wort, einem Händedruck oder mit einer Umarmung - überfordern nicht selten die unmittelbar vom Todesfall betroffenen Menschen in ihrer schmerzlichen Abschiedssituation.
Ob dieses überhaupt erwünscht oder nicht gewollt ist, lässt sich daran erkennen, wie sich die Angehörigen - vom Grab zurückgetreten - selbst aufstellen und verhalten. Der Wunsch ist ausnahmslos zu respektieren, wenn bereits in der Traueranzeige darum gebeten wird, von Beileidsbezeugungen am Grabe abzusehen.
Zusammen -sein, -essen und -trinken
Im Anschluss an die Beisetzung findet manchmal ein Trauermahl oder eine Kaffeetafel statt, an der in der Regel nur die Trauergäste teilnehmen, die bereits durch den Trauerbrief oder noch während der Bestattung persönlich dazu geladen worden sind.
Ist in dem Restaurant- oder Caferaum eine Sitzordnung vorgesehen, kann ein Platz für den Verstorbenen eingedeckt und dort sein Bild aufgestellt werden. Eine andere Art des lebendigen Gedenkens als in der Kapelle oder auf dem Friedhof ist der Brauch, dass beim Kaffeetrinken einer aus der Familie das Wort ergreift und erinnerbare Lebensseiten des Toten erzählt und andere einlädt, dazu beizutragen.
Zeit des Schweigens
Nach der Zeit einer beachtlichen Aufmerksamkeit zwischen der Todesnachricht und der Bestattung, die den Trauernden mit ihrem Todesfall entgegengebracht worden ist, stellt sich eine Zeit des Schweigens und einer vorübergehenden Vereinsamung ein.
Der unterbrochene Alltag wird wieder aufgenommen, und es ist jetzt alles anders als zuvor. Die Menschen, die gekommen sind, kehren zu ihrer Tagesordnung zurück, zu ihren Partnern, ihren gewohnten Lebensabläufen und ihren eigenen Lebensgeschichten. Für die Trauernden jedoch ist die Biographie schlagartig unterbrochen, wenn nicht sogar abgebrochen.
Bei der wiederholten Begegnung mit den Trauernden sollte die Frage “Wie geht es Ihnen?“ auch die Zeit für mehr als eine konventionelle Antwort zulassen. Möglicherweise sogar Zeit für ein erzählendes Antwortenkönnen und das eigene Zuhörenwollen einräumen. Bei dem Gespräch der Begegnung ist darauf zu achten, dass geduldig zuhören zu können, den gefragten Menschen aus seiner Befangenheit persönlicher Trauer hervortreten lässt und durch die eigene Aufmerksamkeit beschenkt. Die Gefühle des Trauernden anzuerkennen, kann der Ausdruck einfühlsamer Nähe bedeuten.
Was bleibt?
Schon am darauf folgenden Sonntag zum Gottesdienst zu gehen, gilt der namentlichen Abkündigung des Trauerfalls und der Fürbitte der Gemeinde für die Trauernden. Dem Verstorbenen wie um ihn Trauernden gegenüber ist es eine gute Sitte, an diesem Gottesdienst teilzunehmen. Dabei kann dem Geistlichen noch einmal persönlich gedankt werden.
Für die Trauernden bleibt der Weg zum Grab auf dem Friedhof, mit dem die Bestattung gleichsam erinnernd wiederholt wird, das eigene Realisieren des eingetretenen Todes bedeuten. Das schmerzliche Eingeständnis, das der Mensch nun dort seinen endgültigen Platz gefunden hat, wechselt noch mit der kummervollen Erfahrung seiner Ab- und Anwesenheit zu Hause.
Es ist an der Zeit, noch einmal in Ruhe die Kondolenzpost durchzugehen und zu lesen, um in angemessener Zeit darauf ausgesucht schriftlich oder mündlich zu antworten und einige Post auch aufzubewahren.
Es ist die Zeit der kleinen Abschiede nach großem endgültigem Abschied. Ein Tagebuch zu schreiben anfangen? Spaziergänge, auch zu zweit, wieder aufnehmen? Einen Brief schreiben? Bereits eine Einladung annehmen? Sich nach einem Kloster, das Stille-Zeiten und persönliche Gespräche anbietet, erkundigen? Gemeinsame Erinnerungsorte allein aufzusuchen wollen?
Später am Totensonntag, an dem im Gottesdienst noch einmal alle Namen der im Jahr der Gemeinde Verstorbenen verlesen und sie ihrer Fürbitte empfohlen werden, in die Kirche gehen. Auch der Geistliche kann ein guter Ansprechpartner für die eigene Trauerarbeit sein. Vielleicht, vorübergehend an einer Selbsthilfegruppe Trauernder teilnehmen. Musik hören. Ein Gedicht aufschlagen. Ein Buch zu lesen beginnen. Und vor allem auch sich selbst wieder Gutes erweisen.
(Quelle: Klaus Dirschauer, Worte zur Trauer. 500 ausgewählte Weisheiten und Zitate für Todesanzeigen und Kondolenzbriefe, München 2007) Weitere Infos unter www.dirschauer.info